Neue Kronen Zeitung, 3.Oktober 1999

Wunderkinder, bitte melden!

Sie lesen am liebsten Brockhaus und haben einen IQ von 130 und mehr: Hochbegabte Kinder. Beatrice, Jonas und Tobias: drei von Tausenden kleinen Genies.

Bei Interviews mit hochbegabten Kindern kommt unsereins ganz schön ins Schwitzen. "Wie viel Bar Luftdruck sind in einer Gasflasche?" testet Tobias die Tante von der "Krone", bevor er irgendwelche (sicher viel weniger intelligenten) Fragen beantwortet. Und wie der Urknall entstanden ist, das sollte eine hauptberufliche Fragerin auch wissen, findet er.

Beatrice liebt Witzfragen: "Welcher Bus hat keine Räder? - Der Globus und der Octopus." Und Jonas, der spricht überhaupt wie ein weiser Chemieprofessor. Über die Sonnenfinsternis, die Dichte des Saturns oder, Gott behüte, das "Vor-Innen-Nach-Außen-Drüsenspiralrechteck".

Mit eineinhalb Jahren bewunderte der heute neunjährige Jonas die Seitenzahlen des Buches, aus dem ihm seine Mutter, Brigitte Kraft, am Abend vorlas, und merkte sich die Ziffern. Mit zwei konnte er lesen, mit drei schreiben und als die Lehrerin am ersten Schultag fragte: "Ist 1 eine Zahl oder ein Buchstabe?" da stand Jonas auf und sagte: "Weder noch - eine Ziffer!"

Intelligenztests bescheinigen dem Kind einer Krankenschwester und eines ÖBB-Fahrdienstleiters einen Mathematik-IQ jenseits des Messbaren. "Er hat uns mit seiner Wissbegierde am Anfang total überfordert", geben die Eltern zu, "aber dann sind wir in diese Rolle hineingewachsen."

Heute unternehmen Brigitte und Harald Kraft mit ihren Kindern Expeditionen zum schiefen Turm von Pisa, reisen zu Chemie-Olympiaden und ermöglichen Jonas (aber auch seinem kleinen Bruder) alles, was sie sich mit ihren beiden Gehältern leisten können. "Leider gibt es keinerlei Förderung für hochbegabte Kinder", sagt die Mutter, "da findet eine Verschwendung von Ressourcen statt, die jammerschade ist..."

Mit 5 durfte Jonas in die Schule, und ist heute, mit 9, bereits Gymnasiast, einer der jüngsten Österreichs. Seine Zukunftspläne? "Chemie studieren!" erwidert er, "am liebsten an der besten Uni, die es gibt."

Als wir zum Fototermin mit Tobias Hipf in Innsbruck kommen, betrachtet der Achtjährige gemeinsam mit seiner vierjährigen Schwester Hanna gerade die chemische Reaktion einer blauen Flüssigkeit unter seinem Mikroskop. "Da, schau! Dann siehst, wie sich die kleinen Kristalle im Wasser auflösen!"

Die Schule ist Tobias viel zu fad, "weil man fast nichts tut, was mich interessiert." Er vermisst Interessantes über Elektronik, Physik, Chemie, Astronomie, Fächer, die erst viel später unterrichtet werden. "Spannend wäre es, wenn wir ein Kraftwerk oder Umspannwerk besichtigen könnten, Experimente machen, einen Film drehen dürften."

So beschäftigt er sich eben in seiner Freizeit mit den vielen Fragen, die ihn oft nicht einschlafen lassen. Wie ein Kompressor funktioniert, wie eine Wasserschnecke atmet oder wie viel Volt ein Blitz hat.

Eine kleine Denkerin ist auch Beatrice Vokoun aus Völs: "Sie hat schon mit drei geschrieben, gelesen und Arbeiten am Computer ausgedruckt", erzählt ihre Mutter, die Psychotherapeutin Karin Vokoun-Tremba. Sie weiß von Berufs wegen, dass Intelligenz sehr einsam machen kann. Darum darf Beatrice oft Freundinnen einladen.

In der Schule sorgt eine ausgezeichnete Lehrerin dafür, dass Beatrice nicht fad ist. "Ich bekomme immer Fleißaufgaben", erzählt die siebenjährige Drittklaßlerin, "und manchmal darf ich auch Hefte korrigieren."

Intelligenz macht oft einsam. Wunderkinder brauchen dicke Freunde.

"Eine gewaltige Herausforderung" sieht Andreas Maislinger vom "Verein für hochbegabte Kinder" in den kleinen Genies für die Gesellschaft. Eine Herausforderung der sich die Politik nicht gern stellt. "Ich habe allen Spitzenkandidaten angeboten, sich mit hochbegabten Kindern zu treffen, es haben alle abgelehnt."

Die Scheu vor soviel geballter Intelligenz (und das schlechte Gewissen) ist, Wahlkampf hin oder her, groß. Maislingers Traum: Eine "Walter-Kohn-Schule", die auch Behinderte integriert und die Gebärdensprache unterrichtet.

Doch es fehlt am Geld (auch dem Verein, für den Maislinger, freiberuflicher Politikwissenschaftler, ehrenamtlich arbeitend). Für Helmut Zilk, ehemaliger Unterrichtsminister und Lehrer, unfassbar: "Man muss sich trotz des Elends und der Naturkatastrophen fragen, ob nicht unsere eigene Zukunft auch einmal eine Spenden-Initiative wert wäre..."

Eltern, die das Gefühl haben, auch ihr Kind könnte hochbegabt sein, können sich bei Andreas Maislinger melden.

"Verein für hochbegabte Kinder", 6020 Innsbruck, Hutterweg 6, Telefon 0512-29 10 87 oder Mobil 0664-100 83 61, eMail-Adresse: maislinger@aon.at

Conny Bischofberger


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