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Tiroler Tageszeitung 13./14. Mai 1999
Die siebenjährige Helen gilt als hochbegabt und hat deshalb mit Vorurteilen zu kämpfen
Schlau sein schwergemacht
Wenn die sieben Jahre alte Helene wieder einmal für eine Vierjährige gehalten wird, stört sie das wenig. Größe zählt nicht, gescheit wie eine Drittklaßlerin zu sein - darauf legt dei Volksschülerin Wert.
Von MICHAELA SPIRK
INNSBRUCK. Ein fröhlich lachendes Mädchen hüpft im Hausgang ungeduldig zwischen seinen zwei kleineren Geschwistern auf und ab. "Wir waren im Technischen Museum in München", platzt es wenig später aus ihr heraus. "Technik interessiert mich nämlich." Die Namen von Schiffen und Flugzeugen, wie erfolgreich die U-Boote im Krieg waren - das alles will Helene wissen. Als Beweis zeigt sie das Papiermodell eines Flugzeuges. "Beim Zammenbauen hat mir aber der Papa geholfen."
"Die Helene hat eigentlich nie gespielt wie andere Kinder", sagt ihre Mutter. "Und irgendwann ist uns dann klar geworden, daß es da einen Unterschied zu Gleichaltrigen gibt." Helene erklärt es so: "Der Papa hat von dem Hochbegabtenverein gehört. Dann hat er sich gedacht, setz ich mich einmal in die Runde und hör zu. Und da ist er draufgekommen, daß fast alle das gleiche Problem haben wie ich. Und dann hat er gewußt, daß ich hochbegabt bin!"
"Ein guter Skifahrer wird bewundert. Aber wenn jemand was im Kopf hat, ist das leider ein Problem", ergänzt ihr Vater die Erzählung.
Helenes Problem ist nicht ihr Wissen, sondern daß sie der normale Unterricht für Kinder ihres Alters langweilt. "Und weil ich so energisch bin!" Zu den größten Nachteilen, die intelligente Kinder ihrer Meinung nach haben, gehört, daß "sie in der Schule nicht drangenommen werden, weil sie eh alles wissen. Oder immer als letzte. Wenn es niemand weiß. Dann schreien sie alles raus." Das macht sie nämlich, wenn sie es gar nicht mehr aushält, und das ist dann das Energische an Helene. Aber Intelligentsein hat auch Vorteile: "Daß ich den anderen alles gschaftln kann. Das tu ich nämlich gern."
Die Siebejährige hält sich aber für ein ganz normales Kind. "Sie ist kein Wunderkind!" ruft jetzt der kleine Bruder Emil dazwischen. Helene stimmt zu: "Wunderkinder sind für mich Kinder, die mit der Nase hören können oder mit den Ohren essen, oder mit den Augen riechen oder mit der Zunge sehen. Oder Kinder, die fliegen können. Ich bin ganz ein gewöhnliches Kind, halt eher neugierig", sprudelt es aus ihr heraus. "Sehr neugierig!" Das war jetzt wieder Emil.
"Die anderen verstehen das nicht, daß ich einfach a bißl neugieriger bin als sie und dadurch auch mehr weiß!" Daß sie von einem Mitschüler mindestens einmal am Tag hochbegabtes Gscheitl genannt wird, stört sie inzwischen aber schon nicht mehr. "Und andere haben eine Bande gegen mich gemacht. Da haben sie gesagt, du bist eh so stark, weil a Gscheitl bist, und gscheite Kinder wissen ja immer einen Ausweg!"
Helene hat schon einen Schulwechsel hinter sich: "Einmal bin ich einfach von der Schule heimgrannt. Mit die Patschen! Dann bin ich eineinhalb Monate daheimgeblieben, hab da alles gelernt, und dann bin ich in die neue Schule gekommen." Ihre Mutter erzählt, wie es dazu gekommen ist: "Sie hat sich unheimlich auf die Volksschule gefreut, aber schon nach kurzer Zeit haben die Schwierigkeiten begonnen. Das hat sich gesteigert bis zur Leistungsverweigerung und daß Helene nicht mehr zur Schule wollte." Sie sieht das Problem darin, daß ihre Tochter nicht gefordert war. "Darüber haben wir auch mit den Lehrern gesprochen, aber die lapidare Antwort war, daß sie sich nach den Schwächsten richten müssen."
Helenes Lieblingsfach ist Mathematik, aber eigentlich kommt ihr "nix nicht wichtig vor an der Schule, also alles wichtig!" Nur auf die Turnstunden kann der Pfiffikus verzichten. "Aber Gott sei Dank darf ich an der neuen Schule nach dem Turnen noch zum Förderunterricht."
Trotz aller Schwierigkeiten hält Helenes Mutter die Begabung ihrer Tochter für ein Geschenk. "Geschenk?" will Emil wissen. Neugierde ist offensichtlich ansteckend.
VEREIN FÜR HOCHBEGABTE
Die Eltern von Helene haben sich hilfesuchend an den Verein zur Förderung hochbegabter Kinder und Jugendlicher in Tirol gewandt. "Als Minderheit haben die betroffenen Kinder oft mit vielen Mißverständnissen und Vorurteilen zu kämpfen, sagt Andreas Maislinger von der Elterngruppe des Vereins (Tel. 0512-29 10 87). Anliegen ist es, Hochbegabte wirklich ernst zu nehmen und nach Möglichkeiten zu suchen, ihre Fähigkeiten zu fördern.