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Tirolerin, 1.April 1999
Kluge Köpfe - Einsteinverschnitt statt Nachwuchs-Schwarzenegger
Etwa drei Prozent der Kinder eines jeden Jahrganges sind hochbegabt,
das sind etwa 2500 "Mega-Vifzacks" in Tirol. Sie lernen
ganz einfach schneller als ihre Altersgenossen, sprechen zum Beispiel
früher in ganzen Sätzen und fragen ihren Eltern Löcher
in den Bauch. Wer nun glaubt, dass diese "Wunderkinder"
glücklicher als andere sind, der irrt. Oft kann eine
solche Hochbegabung mehr Leid als Freude bereiten.
Vor allem dem betroffenen Kind selbst, aber auch seinem sozialen
Umfeld wie Familie, Freundeskreis oder Schule. Dann nämlich,
wenn der große Durst nach Wissen nicht gestillt werden kann,
beziehungsweise wenn das hochbegabte Kind gemäß seiner
Anlage keine entsprechende Förderung erhält. Es scheint
Faktum zu sein, dass Körperstärke in unserer Gesellschaft
höher bewertet wird als Geisteskraft. Wen finden Klassenkameraden
wohl "cooler", den Nachwuchs-Schwarzenegger oder den
Einstein-Verschnitt? Und so wird Schwarzenegger-Junior in weiterer
Folge auch eine Stätte - inklusive Trainer und Material -
zur Verfügung gestellt werden, um seine physischen Grenzen
zu erreichen. Denn wir leben in einer sportbegeisterten Nation.
Und der kleine Einstein - der sollte seine weitere Entwicklung
nicht zu rosig betrachten.
Dies scheint einen Widerspruch in sich zu bergen, zählt der
Sprössling doch zum erlauchten Kreis der Hochintelligenten.
die Antwort ist permanente Unterforderung, oft müssen betroffene
Kinder in der Schule Dinge lernen, die sie bereits können
- so beherrschen einige hochbegabte Kinder schon im Alter von
drei Jahren das Schreiben und Lesen; werden sie eingeschult, können
sie sich vier Schuljahre lang vom A zum Z durchquälen - und
können nicht das erlernte, was sie brauchen. So kommt es
nicht selten vor, dass gerade hochbegabte Kinder große schulische
Sorgen bereiten. Ja, sogar daran scheitern. Da ihre Anlage noch
immer nicht als eine Form Behinderung anerkannt wird, die einer
speziellen Förderung bedarf.
Eine Plattform für Betroffene bietet sicherlich der "Verein
zur Förderung hochbegabter Kinder und Jugendlicher in Tirol",
der auch unter der Internet-Adresse http://www.giftedchildren.net
erreichbar ist. Ansprechpartner Andreas
Maislinger (6020 Innsbruck, Hutterweg 6,Innsbruck, Telefon
0512-29 10 87) organisiert auch heuer wieder die allseits beliebte
Sommerakademie in Innsbruck. Dabei wird mit den hochbegabten Kindern
alles unternommen, was interessiert und Spaß macht.
Sascha heißt der Neunjährige und er gilt als hochbegabt.
Sein Intelligenzquotient liegt jenseits der 130er-Grenze; als
der Bub in den Kindergarten kam, konnte er bereits schreiben und
lesen. Das hat sich Sascha übrigens selbst beigebracht, nur
manchmal fragte er seine Mutter nach Buchstaben. Nach dem Überspringen
der dritten Schulstufe besucht der Vifzack nun die vierte Klasse
der Volksschule. Das klingt alles sehr positiv, dennoch hat es
der Kleine nicht immer leicht, mit seiner Hochbegabung richtig
umzugehen. In der Schule fühlt er sich zum Teil unterfordert
und fällt durch Hyperaktivität auf, seine Familie hält
er ständig auf Trab.
Seine Mutter erzählt: "Manchmal ist es fast mehr Fluch
als Segen, Sascha ist zwar vom Intellekt her ein Erwachsener,
aber seelisch ein Kind. Alles, was ihn interessiert, das holt
er sich. Zum Großteil aus dem Lexikon, ich muss auf viele
Fragen mit "das weiß ich nicht" antworten. Begabt
ist Sascha überall, außer im sozialen Bereich. Er muss
immer im Mittelpunkt stehen und tut sich mit dem Verlieren hart."
Saschas Mutter Ingrid Sedetzki ist Lehrerin, ihr großer
Wunsch wäre eine spezielle Ausbildung für ihren Berufsstand
im Umgang mit Hochbegabten, denn "oft werden hochbegabte
Kinder nicht anerkannt, da man ihre Anlage nicht erkennt."
Sascha ist übrigens ein ganz normaler Junge; wer glaubt,
einer "Intelligenzbestie" gegenüberzusitzen, der
irrt. Mickey Mouse-Heftchen lesen, das liebt er, und so nebenbei
kann er die Stimme von diesem Walt Disney-Vieh auch exzellent
imitieren. Judo und Fußball sind seine Hobbys, nur dem Berufsbild
seines Vaters - dieser ist Inhaber
einer Tanzschule - wird Sascha eher nicht folgen, da "Tanzen
etwas für Weiber ist".
Nein, seine angestrebte Wunschprofession ist es, Co-Pilot zu werden,
"weil mein Freund wird Pilot und ohne Co-Piloten stürzt
ja das Flugzeug ab." Ist doch logisch, auch für "normal"
Begabte, oder? Und während man im gemütlichen Wohnzimmer
der Familie Sedetzki sitzt - Sascha ist gerade im "Couch-Anflug"
mit einem Salto - denkt man sich, dass dieser Bengel einfach süß
ist. Und verdammt gescheit!
Fiona Wimmer