Industrie 50/52, 10.12.1998

Hochbegabung als Hindernis

Potentielle Nobelpreisträger in Physik, Literatur oder Volkswirtschaftslehre fallen derzeit vielleicht gerade in der Schule durch. Eine gezielte Hochbegabtenförderung fehlt in Österreich.

Die Chronologie der Ignoranz gegenüber den Problemen hochbegabter Kinder ist lange und hat vor allem die Eltern als Leidtragende, so die Analyse von Andreas Maislinger, Politikwissenschafter und stellvertretender Obmann des Vereins zur Förderung hochbegabter Kinder in Tirol.

Wesentlich in der Diskussion rund um die Wunderkinder, Besserwisser und Hochbegabten erscheint, dass man zuerst einmal klarlegen muss, um wen es sich bei einem "Hochbegabten" eigentlich handelt. Es sind nicht etwa die kleinen Mozarts, Einsteins oder Newtons, über die man spricht, wenn man über Hochbegabte diskutiert - das sind tatsächlich einzigartige Ausnahmen und verdienen daher auch das Prädikat "Wunderkinder".

IQ über 130. Doch etwa drei bis fünf Prozent der Kinder jedes Jahrgangs sind hochbegabt. Diese Kinder beginnen früh in Sätzen zu sprechen, fragen ihren Eltern und Erziehern Löcher in den Bauch, haben eine ausgeprägte Phantasie und ein sehr gutes Gedächtnis. Eine typische IQ-Marke ist bei mindestens 130 zu finden.

Da sie sich bereits mit zwei oder drei Jahren gut ausdrücken können, scheint ihre positive Entwicklung gesichert - möchte man glauben. Doch alle wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen einen gegenteiligen Trend. Howard Gardner, Erziehungswissenschaftler an der Harvard University konnte z.B. mit seinem Buch "Leading Minds" sehr deutlich sichtbar machen, dass Hochbegabung nicht mit schulischen oder gar beruflichem Erfolg korreliert. Für die österreichische Situation zeichnet Maislinger ein ähnliches Bild. "Es widerspricht dem Hausverstand, aber nicht wenige der eindeutig als besonders talentiert ausgemachten Kinder bleiben sitzen oder landen sogar wegen Unterforderung in der Sonderschule."

Ist Unterforderung ein österreichisches Schicksal und Hochbegabung ein Hindernis? Zumindest in der Förderung von sportlicher Hochbegabung ist das sicher nicht der Fall. Wenn ein Kind die Anlagen für einen zweiten Andreas "Goldi" Goldberger mitbringt, gibt es mittlerweile einige Ausbildungswege, die den Weg zum olympischen Gold optimal unterstützen. Das Land braucht seine Skihelden und fängt in der Förderung schon im Skikindergarten an. Ob das Land Nobelpreisträger in Physik, Literatur und Volkswirtschaftslehre braucht, ist nicht so eindeutig erkennbar. Zwar gibt es mittlerweile zaghafte Initiativen, doch eine Förderungslandschaft, die die kleinen wissbegierigen Charaktere optimal unterstützen würde, ist nicht festzustellen, so Maislinger.

Unverständnis prägt die Gesamtlandschaft rund um unsere hochbegabten Schützlinge. Es ist nicht leicht zu verstehen, dass sich diese Kinder selbst das Lesen beibringen, dass sie im zarten Alter von zwei Jahren in ganzen Sätzen sprechen, dass sie Lust am Lernen haben und auch, dass sie typischerweise sehr viel Mitgefühl für schwächere Kolleginnen und Kollegen haben. Aber bei der Fülle von Vorurteilen gegenüber den "Strebern" sind die Abwehrreflexe gegen diese Gruppe noch immer enorm groß.

Gezielte Förderung ist angesagt, private und staatliche Initiativen sind gefordert, und vor allem ist Verständnis für diese Gruppe zu entwickeln, so die Forderungen von Maislinger.

Nobelpreisträger gesucht. Wenn man Wertschöpfungspotentiale der Zukunft in der Wissens- und Informationsgesellschaft ernst nimmt, dann sollte man Förderungsinitiativen wie der Karl Popper Schule und ähnlichen Projekten vielleicht doch noch viel intensiver näher treten. Man könnte dabei ja vielleicht einmal einen Nobelpreisträger und nicht immer nur Olympiasieger für Österreich entwickeln.


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