| |
monatsjournal tirol, 3.9.1998, "Also, blöd bin ich nicht"
"Also, blöd bin ich nicht"
Sie bringen sich das Lesen selbst bei, reden von Anfang an in
ganzen Sätzen und sind schon mit drei reif für die Schule.
"Mein Kind ist mir unheimlich", denken sich auch in
Tirol rund zwei Prozent aller Eltern. Sie erleben Freud' und Leid
von Hochbegabung hautnah. Marlene ist so ein kleiner Vifzack.
"Hallo, ich heiße Marlene Sarah und bin 7 Jahre alt
und lebe im Tiroler Oberland. Ich bin 126 cm groß. Zur Zeit
besuche ich die zweite Klasse der Volksschule. Religion, Werken,
Turnen, Flöte und darstellendes Spiel gehören zu meinen
Lieblingsfächern. Meine Hobbys sind Schwimmen, Radfahren,
Schifahren und Eislaufen. Ich gehe gerne mit meinem Opa in den
Stall, weil ich Tiere liebe. Auch meine Stofftiere habe ich sehr
gern. Ich freue mich schon auf die Sommerakademie und ich bin
schon gespannt, wie man in einer Stunde um 40 Jahre älter
werden kann ..."
Marlenes Selbstbeschreibung klingt so erfrischend normal und doch
hat sie ein Problem. Sie ist hochbegabt. Rund zwei Prozent
aller Kinder verfügen über ein Leistungspotential, das
über dem Durchschnitt liegt. In Tirol sind zirka 2.500 Schüler
von insgesamt 102.000 hochbegabt, haben einen Intelligenzquotienten
(IQ) von über 130. Die Hochbegabung allein ist nicht das
Problem. Sie leiden oft an Unterforderung in der Schule. Das macht
sie unzufrieden.
Marlene lebt am Land und hat es dadurch noch schwerer, Angebote
für hochbegabte Kinder in Anspruch zu nehmen. Eine Woche
"Sommerakademie" für kleine Vifzacks hat der im
September 1997 gegründete "Verein zur Förderung
hochbegabter Kinder und Jugendlicher in Tirol" im vergangenen
Juli in Innsbruck organisiert. "Diese Kurse und Ausflüge
waren wunderbar", schwärmt Marlene noch heute, "schade
war, dass meine Mutter, die Verkäuferin ist, mit mir so weit
fahren musste. Wenn es das bei uns doch nur auch gäbe!"
Unser Schulsystem basiert auf der Chancengleichheit für alle
Kinder. Für die schwächeren Schüler hat sich die
Einrichtung von Stützlehrern durchgesetzt. Hochbegabte müssen
selbst schauen, wie sie mit einer Unterforderung zurecht kommen.
Oft führt das zu Wutanfällen, Depressionen und Verhaltensstörungen.
Extreme Begabung scheint in diesem Licht wie eine Behinderung.
Sensibilität und individuelle Behandlung sind die einzigen
Möglichkeiten, den Kindern zu vermitteln, dass sie verstanden
werden.
Marlenes Vater, LKW-Fahrer, machen auch die Kosten für die
Förderung seiner hochbegabten Tochter Kopfzerbrechen. Schuljahre
überspringen, damit sie mehr gefordert ist, scheint ihm nicht
die wahre Lösung zu sein. "Das Kind verliert dadurch
den sozialen Anschluss, ist immer das jüngste in der Klasse
und kann deshalb oft nicht mitmachen, was die zwei, drei Jahre
älteren schon dürfen."
Marlene ist ein erfrischend normales Mädchen. Sie räumt
nicht gern ihr Zimmer auf, sie hat eine Schwäche für
Stofftiere und hört gern Musik von REM und Falko. Irritieren
tut sie durch ihre Konzentration und ihren ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.
Sie hat ein erstaunliches Gedächtnis und interessiert sich
für Erwachsenenthemen. Und selbstsicher hat sie den Dreh
raus, wie man Gradwanderung zwischen Vifzack und Klugscheißer
bewältigt. Wie Eltern mit einem kindlichen Partner umgehen,
demonstriert Marlenes Mutter: "Viel Liebe ist das Wichtigste
und wir versuchen, das Besondere im alltäglichen nicht zu
sehr hervorzuheben."
"Also blöd bin ich nicht", sagt Marlene kurz angebunden,
wenn man sie auf ihre Intelligenz anspricht, um sich schnell einem
viel interessanteren Thema zuzuwenden. "Kannst Du Schnappsen?",
dreht sie den Spieß des Frage- und Antwortspiels um und
ist schon auf dem Sprung, die Karten zu holen. Intelligenz ist
Trumpf.
Ilse Kuen