KIRCHE - Sonntagszeitung für die Diözese Innsbruck, 30. April 2000


Ein Lernbuffet, an dem sich jede/r bedient

Hochbegabte wollen ganz normale Kinder sein - die Schule ist gefordert

Oberösterreichs Schulen verteilen 200.000 Info-Blätter für Hochbegabung. Denn jedes Kind habe ein Recht, den Begabungen entsprechend gefördert zu werden.

"Nun geht Andreas also in die Schule", schreibt die Mutter eines hoch begabten Kindes. Es schwingt Erschöpfung mit. Denn das Kind macht Probleme in der Schule. Oder ist es umgekehrt?

In Religion sollte Andreas Bilder ausmalen. Das entsprach ihm nicht; er will ja kreativ sein, gestalten. So gab´s für ihn keine Belohnungen, keine Abziehbilder, wie sie andere erhalten.

Markus dagegen hat eine Lehrerin, die sich sehr viel einfallen lässt, um dem Kind, das in manchem den anderen weit voraus ist, zu entsprechen. Sie beschäftigt ihn teilweise mit Sonderaufgaben, setzt ihn und seine Fähigkeiten für die Klasse ein. Sie hat hineinwachsen müssen, ließ sich aber darauf ein.

In Oberösterreich gibt es einen eigenen Fortbildungs-Lehrgang für Pädagogen, der auf die Bedürfnisse hochbegabter Kinder abzielt. Er wird gut angenommen, sagt der Präsident des oö. Landesschulrates, Dr. Johannes Riedl. "Die Schule ist verpflichtet, der Einmaligkeit und Einzigartigkeit jedes Kindes gerecht zu werden."

Wenn Begabung bedrückt

Hochbegabte, so möchte man meinen, haben es leicht. Sie können es aber auch schwer haben. Sind sie etwa dauernd unterfordert, können sie durch Verhaltensauffälligkeiten auf sich aufmerksam machen wollen. Sie laufen Gefahr, Außenseiter zu werden.

Der zehnjährige Peter etwa schreibt Gedichte und Witze und arbeitet an einem Kriminalroman. Mit philosophischen Fragen will er Dingen auf den Grund gehen, das kann nerven. Gleichaltrige hänslen ihn. Er reagiert darauf, flippt aus, wird jähzornig.

Angebote

Der Innsbrucker Andreas Maislinger hat einen "Verein für hochbegabte Kinder" gegründet, der in allen Bundesländern aktiv ist. Wichtigstes Ziel ist, Eltern betroffener Kinder zusammen- zubringen. In Oberösterreich gibt es seit zehn Jahren den Verein "Stiftung Talente". Er veranstaltet u.a. eine Sommer-Akademie, heuer erstmals auch für Schüler/innen der dritten Klasse Volksschule. Präsident Riedl macht sich für den integrativen Weg stark. Die hoch begabten Schüler/innen bleiben im angestammten Klassenverband. Förderangebote gibt es ergänzend. Er verwendet ein Bild dafür, was Schule sein soll: Ein Lernbuffet, an dem sich jede/r nach seinen/ihren Begabungen bedienen kann. Also keine Spezialschulen (macht nur in großen Städten Sinn), sondern Förderung in der Regelschule. Die Hochbegabten bleiben im sozialen Verband - was dem Leben nach der Schule entspricht.

Ernst Gansinger

ADRESSEN

- Schulpsychologisches Netzwerk für Hochbegabte, Landesschulrat für OÖ, Sonnensteinstraße 20, 4040 Linz, Tel 0732-7071-2331 (Beratung, Diagnose)

- Verein "Stiftung Talente", Landesschulrat für OÖ, Sonnensteinstraße 20, 4040 Linz, Internet: http://www.lsr-ooe.gv.at/talente

- Verein für hochbegabte Kinder, Andreas Maislinger, Innsbruck, Tel 0512-29 10 87 oder 0664-100 83 61, Internet: http://www.giftedchildren.net

HOCH BEGABT?

Das Kind ist kreativ und hat Freude an intellektueller Auseinandersetzung ... sein Perfektionsstreben lässt es mitunter dickköpfig erscheinen... es kann sehr rasch Wissen verarbeiten... den großen Wortschatz wendet es brillant an, manche empfinden es als vorlaut... seine Selbständigkeit und sein geistiger Vorsprung kann es zum Einzelgänger machen... es hat ausgesprägten Gereichtigkeitssinn, dass lässt es dünnhäutig erscheinen...


 Aktuell vom 26.7.2000

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