Tiroler Tageszeitung, 18.3.2000

PRO & KONTRA: Braucht Tirol eine eigene Schule für hochbegabte Kinder? Ein entsprechendes Projekt ist äußerst umstritten.

Wohin mit Einstein?

Andreas Maislinger, Gründer und Leiter von giftedchildren.net und auslandsdienst.at.

Nach übereinstimmender Meinung der Experten sind etwa drei Prozent der Kinder hochbegabt. Das heißt, in Innsbruck gibt es etwa 120 hochbegabte Volksschüler, 30 davon in den ersten Klassen. Bei 23 Innsbrucker Volks- schulen finden sich statistisch gesehen in jeder dieser Schulen ein bis zwei hochbegabte Kinder in ersten Klassen.

Die meisten dieser Kinder können bereits mit vier oder fünf Jahren lesen und schreiben. Da sie auch ein vergleichsweise großes Allgemeinwissen mitbringen, sind sie in der Schule unterfordert. Sie beginnen den Unter- richt zu stören und werden für die LehrerInnen ein Problem. Trotz dieser Probleme bin ich jedoch nicht dafür, alle diese Kinder in eine eigene Schule zu stecken.

Denn von den Hochbegabten ist es nach Ansicht des Gründers und Leiters der "Schule Talenta Zürich", Dr. Jean-Jacques Bertschi, nur etwa jeder sechste, er in der Regelschule - auch bei besonderer Förderung - nicht zurechtkommt. Für diese 0.5 Prozent ist die von mir geplante "Schule Talenta Innsbruck" gedacht. Dabei geht es nicht um eine Ideologie, sondern darum, den verzweifelten Kindern und Eltern eine konkrete Hilfe anzubieten. Ein in Wien im Haus der Industrie stattgefundenes Gespräch mit Vertretern des Unterrichtsministeriums, der Landesschulräte und der Eltern hat bestätigt, dass für diese Kinder derzeit nur die Möglich- keit besteht, in der Schweiz oder in Schottland unterrichtet zu werden.

Da dies in jeder Hinsicht mit einem großen (vor allem auch finanziellen) Aufwand verbunden ist, möchte ich den betroffenen Kindern von Innsbruck und Umgebung die Möglichkeit bieten, im Lande zu bleiben.

 

MAG. CHRISTIANE URL, stv. Obfrau des Landesverbandes der Elternvereinigungen an den AHS/BHS Tirol.

Ich stehe positiv zu allen Fördermöglichkeiten und bin froh darüber, dass Lehrer ausgebildet werden, damit sie Hochbegabungen der Kinder, besonders im Volksschulalter, erkennen und unterstützen. Auch im Sekundarbereich widmen sich einige Schulen Tirols dieser Begabtenförderung. Für mich als Mutter ist aber nicht nur die schulische Leistung eines Kindes wichtig - selbst wenn es hochbegabt ist - sondern auch das soziale Umfeld, in dem es aufwächst. Ich kann mir keine "Ghettoisierung" eines Kindes vorstellen, das, um eine spezielle Hochbegabten-Schule zu besuchen, schon im Volksschulalter aus dem Familienkreis genommen werden müsste.

Natürlich könnten alle höchstbegabten Schüler Tirols nur an einem zentralen Standort unterrichtet werden, dies würde für viele eine Internatschule sein. Weiters sehe ich die Gefahr, dass es in dieser Eliteumgebung nicht wirklich lernen würde, sich für Schwächere einzusetzen; so würde es zumindest einen Teil des sozialen Lernens versäumen. Auch die von Industrie und Arbeitswelt geforderte Teamfähigkeit würde in dieser Schule nicht der Lebensrealität entsprechen.

Jeder Mensch hat seine Begabungen und wir müssen lernen, alle zu fördern, nicht nur die höchsten. Nur durch eine Zusammenwirken der verschiedenen Talente kann sichergestellt werden, dass Kinder kindgerecht aufwachsen und für die Zukunft notwendige Wertvorstellungen aufbauen. Aus Sicht der Eltern wäre allen geholfen, wenn Lehrer nicht durch zu hohe Klassenschülerzahlen überfordert wären. Ein pädagogisch-integrierendes Umfeld und nicht die Zwei- Klassen-Gesellschaft von Kleinkind an ist meiner Ansicht nach anzustreben.

 


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