Elternberichte


Matthias (16.5.1992) und Maximilian Schram (29.11.1994)

Matthias

Ich beginne meinen Erfahrungsbericht über unseren Sohn Matthias mit dessen Geburt und versuche seine Entwicklung nach einzelnen Gesichtspunkten, sofern sich diese getrennt darstellen lassen, zu beschreiben.
Matthias wurde am 16.5.1992 geboren. Er war bei der Geburt insofern schon ein besonderes Baby, weil er 4,75 kg schwer und 55 cm groß war. Dadurch ging seine motorische Entwicklung sehr rasch voran. Matthias drehte sich (übrigens aus Neugier) bereits im Alter von zwei Monaten von der Bauch- in die Rückenlage, ab 5 Monaten war er mit dem Laufwagerl unterwegs und erkundete die ganze Umgebung, öffnete alle Laden und Kastentüren und grub in der Erde der Blumenstöcke. Mit 7 Monaten wollte er nur mehr -an beiden Händen gehalten - marschieren, mit ca. 11 Monaten ging er dann alleine.
In diesem Alter begann auch kurzfristig eine extreme Trotzphase, die mich überraschte und die ich nie für möglich gehalten hätte. Als Matthias wieder einmal Geschirr aus dem Küchenkasten räumen wollte und ich ihn nett, aber bestimmt darauf hinwies, dass er dies nicht dürfe, kniete er sich auf den Fliesenboden hin und schlug mit voller Wucht seinen Kopf darauf. Er brüllte schrecklich, ich war völlig schockiert. Bereits an einem der nächsten Tage gab es eine ähnliche Situation, ein kleines Verbot und schon wieder kniete er nieder und tippte diesmal nur mehr sehr vorsichtig mit dem Kopf auf den Boden, indem er dazwischen Pausen einlegte, mich ansah und meine Reaktion abwartete. Ich sah nicht hin oder versuchte es wenigstens und sagte zu ihm: "Hau dir ruhig deinen Kopf an. Mir tut es nicht weh!" Damit war das Kopfaufschlagen ein für allemal vorbei.
Um bei Trotzphasen zu bleiben: Die nächste Trotzphase mit etwa 2 Jahren war wirklich sehr anstrengend für mich. Er ließ sich bei jeder Gelegenheit zu Boden fallen und brüllte ganz schrecklich: Zuhause, in den Geschäften, auf der Straße. Ich erlebte dabei, dass mich Leute aufforderten, ihm doch endlich einmal den Hintern zu verklopfen. Ich war in dieser Zeit gerade schwanger, hatte Probleme und musste mich, so gut es ging, schonen. Er wusste auch, dass ich ihn nicht tragen sollte, und nutzte dies aus.
An ein Ereignis erinnere ich mich besonders gut: Ich erwartete, wie schon gesagt, ein Baby, mein Mann hatte Kreuzschmerzen und konnte sich kaum rühren, es war Hochsommer, wir fuhren in die Stadt zum Einkaufen. Matthias weigerte sich aus dem Auto auszusteigen, die Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Wir konnten ihn beide nicht so recht aufheben. Ge-meinsam zerrten wir ihn aus dem Auto, daraufhin ließ er sich auf den Gehsteig fallen und
"kugelte" einige Meter weit - natürlich vor schaulustigen Passanten.
Er weigerte sich auch manchmal, seine Großeltern zu besuchen und machte schon bei der Eingangstür einen "Aufstand". Aus Protest saß er des öfteren brüllend in der Auslage des Bekleidungsgeschäfts der Großeltern. Manchmal kam mir in dieser Zeit das Heulen.
Wenn ich in meine Aufzeichnungen sehe, die ich in der Anfangszeit recht intensiv führte, lese ich immer wieder, dass er gerade schwierig bzw. trotzig gewesen sei. Ich erinnere mich auch an einen kurzen Zeitraum, in dem er regelmäßig am späten Abend oder in der Nacht munter wurde, weinte und schrie und oft eine halbe Stunde auf kein Zureden, Streicheln, Beruhigen reagierte. Wir führten dieses Verhalten auf intensives Träumen zurück.
Doch die schwierigen Seiten unseres Sohnes kannten nur wir. Bei seiner Tagesmutter war er stets mustergültig, ebenso im Kindergarten und jetzt in der Schule. Außer Haus fiel er nie auf, ordnete sich immer unter (zuviel, wie ich meine). Mittlerweile ist aus dem einstigen Trotzkopf ein höchst vernünftiges, verantwortungsbewußtes Kind geworden.
Es passt vielleicht hier nicht ganz herein. Matthias beschloss mit 4,5 Jahren Vegetarier zu werden und hat dies bis heute strikt eingehalten.
Da ich aufgrund eines befristeten Vertrages nur die Mutterschutzzeit zuhause blieb, brachte ich Matthias bei einer Tagesmutter unter, wo er bestens betreut mit 4 Mädchen den Vormittag verbrachte. Obwohl er von Anfang an mit Kindern zusammen war, entwickelte er sich nicht zu einem "sozialen Wesen". Er spielte zwar mit den anderen Kindern bei der Tagesmutter oder später im Kindergarten, wollte aber außerhalb dieser Zeit mit keinen anderen Kindern zu tun haben. Ich war über diesen Umstand gar nicht glücklich und versuchte eine Zeitlang immer wieder, ihn auch am Nachmittag zum Spielen mit anderen zu bewegen. Noch dazu wohnen wir in einer kinderreichen Siedlung mit mehreren Kindern in seinem Alter. Ich machte ihm auch öfter den Vorschlag, Kinder einzuladen. Dies lehnte er jedesmal ab und begründete es auch mit: "Wozu? Ich brauche keine Kinder. Ich habe ja dich." Im Alter von 4 Jahren meldete ich ihn für die musikalische Früherziehung in der Musikschule an, doch er war dort so unglücklich, dass ich ihn nach 2-3mal nicht länger quälen wollte und herausnahm. Ähnlich ging es uns im Urlaub in einem Klub, in dem Aktivitäten für Kinder angeboten wurden. Manchmal versteckte er sich regelrecht hinter mir, er hing, wie man im Volksmund so schön sagt, an meinem "Rockzipfel". Erst im Verlauf der 1. Klasse wurde er für seine Verhältnisse etwas lockerer. Er fühlt sich schon seit jeher recht wohl unter Erwachsenen und zieht deren Gesellschaft der von Kindern vor. Seit er jedoch eine Klasse übersprungen hat (Er wechselte nach den Semesterferien von der 2. in die 3. Klasse - ich werde darauf noch ausführlich zu sprechen kommen), ist er wieder mehr Kind und hat auch Freunde gefunden, v.a. mit einem sehr klugen Burschen, der, weil er ein Herbstkind ist und später in der Schule begann, schon fast 10 Jahre alt ist, pflegt er intensiveren Kontakt. Die beiden haben die gleichen Interessen, spielen Schach miteinander und schauen im Lexikon nach, wie weit der Mond oder Mars etc. von der Erde entfernt ist, weil sie die Handarbeitslehrerin mit einer Atomrakete dorthin befördern wollen.
Nachdem ich versucht habe, die soziale Entwicklung von Matthias in groben Zügen dazustellen, möchte ich jetzt auf seine sprachliche Entwicklung ein wenig eingehen:
Ich habe von Anfang an mit Matthias gesprochen und auch sehr früh begonnen, ihm Bücher zu zeigen und daraus vorzulesen. Matthias verstand schon viele Dinge mit 5 Monaten und führte in diesem Alter auch einige Dinge, wie z.B. zu zeigen, wie groß er schon sei, aus.
Er verfügte mit einem Jahr schon über einen kleinen Wortschatz, wobei viele Wörter nur mein Mann und ich verstehen konnten. Mit zwei Jahren sprach er schon wunderschön und verwendete sogar Konjunktionalsätze mit "um zu", "weil" etc.
Ich führe das auf sein Interesse am Vorlesen zurück. Er hatte dabei große Ausdauer. Wie ich schon oben erwähnte, hatte ich bei meiner zweiten Schwangerschaft Probleme, musste mich schonen und sollte auch möglichst viel liegen. So bin ich oft im Bett gelegen und habe Matthias, der neben mir in einem Bücherberg saß, zwei Stunden ohne Unterbrechung vorgelesen. Er hörte die ganze Zeit gespannt zu.
Heute hat er einen ungeheuer großen Wortschatz, der auch schon viele Fremdwörter beinhaltet, und drückt sich sehr gewählt aus. Oft denke ich, mancher Erwachsene würde ihn darum beneiden.
Matthias begann mit etwa 5 bis 5,5 Jahren selbst zu lesen. Er konnte innerhalb kürzester Zeit die Buchstaben und verlangte immer wieder von mir, dass ich ihm Wörter aufschreiben solle.
Er hatte auch am Abend, wenn er schon im Bett lag, keine Ruhe, kam immer wieder aus seinem Zimmer und wollte lesen. Ich musste ihm oft bis zu 40 Wörter aufschreiben, die er dann laut vorlas. Erst dann ging er wieder zu Bett. Er war fasziniert davon, endlich selbst lesen zu können.
Heute ist er ein richtiger Bücherwurm. Bevor er die Klasse wechselte las er bis zu 150 kleingedruckte Seiten täglich. Manchmal war ihm richtig schwindlig (Er trägt bereits seit seinem 5. Lebensjahr eine Brille und hat über 3 Dioptrin). Nach den Erstlesebüchern entdeckte er schon bald Werke aus Thomas Brezinas Feder. Er verschlang diese Bücher. Ich hatte zwar wenig Freude, doch ließ ich ihn walten. Bald wandte er sich von Brezina ab. Derzeit liest er gelegentlich Gruselgeschichten, meist jedoch Lexika. Seit kurzem hat ihn, so wie viele Kinder, das Harry-Potter-Fieber erfasst.
Wir haben mittlerweile einen Handapparat mit Kinderlexika und Sachbüchern zu verschiedensten Themen im Wohnzimmer aufgestellt, den wir ständig erweitern. Er beginnt oft schon beim Frühstück zu lesen. Manchmal führt das dann zu kleineren Konflikten. Er hört und sieht nichts, wenn er im Lesen vertieft ist und sucht immer wieder Ruhe. Wir gehen regelmäßig in die Stadtbücherei. Zum Glück gibt es dort kein Limit, was die Anzahl entlehnter Bücher betrifft. So kommen wir meist mit einer riesigen Tasche voll Bücher heim. Beide Kinder (Matthias hat noch einen jüngeren Bruder, Maximilian, der jetzt gerade fast 6 Jahre alt ist) sind dann für Stunden damit beschäftigt, die neuen Bücher zu erkunden. Oft streiten sie auch darum, wer als erster das Wasistwas-Buch über die Gladiatoren, Olympischen Spiele etc. ansehen darf.
Zu Weihnachten hat Matthias für die Familie und für seine Lehrerin ein Buch geschrieben. Es umfasst etwa 30 handgeschriebene Seiten, die er auf einem Block vorschrieb und, nachdem ich sie hinsichtlich der Rechtschreibfehler korrigiert hatte, reinschrieb. Er hat auch Zeichnungen dazu gemacht. Die Handlung ist eine Mischung aus Kriminal- und Fantasyge-
schichte, die Akteure sind Matthias und sein Freund. Die Kulisse sind markante Bauwerke in Rom, die ihn bei unserem Besuch in der "Ewigen Stadt" besonders beeindruckten.
Matthias spielt / arbeitet seit frühester Kindheit am Computer. Wir haben entsprechende Software angeschafft, z.B. die Addy Junior-Serie und die jetzt neu erschienenen CDRoms aus der Wasistwas-Reihe. Matthias hat sich hierbei großes Wissen über das Rittertum angeeignet.
Besonderes Interesse zeigt er, wie ich schon oben erwähnte, für geschichtliche Themen. Deshalb habe ich ihm eine CDRom über den Geschichtsstoff der 2. Klasse AHS/HS besorgt.
Matthias ist an vielen Dingen sehr interessiert: Geschichte, Geographie, Biologie, Weltraum etc. Wir müssen ihm ständig Informationen geben. Er verlangt unsere ganze Aufmerksamkeit.
Im Frühsommer beschäftigte er sich mit griechischer und römischer Mythologie, wobei er auch verschiedenen Überlieferungen nachgeht, in den Ferien begeisterte er sich am Nibelungenlied.
Er besucht mit Begeisterung Ausstellungen und Museen mit uns. Ich muss dazu sagen, dass wir unsere Kinder von Anfang an (noch im Babytragetuch) überallhin mitgenommen haben.
Sie haben sich noch nie über einen Museumsbesuch beschwert. Matthias hat sogar im Alter von 7 Jahren aus freien Stücken im Technischen Museum Notizen über für ihn interessante Objekte gemacht..
Matthias hat besondere Freude an Strategiespielen. Er begann früh mit dem Schachspielen, liebt aber auch "Risiko". Meistens spielt er mit seinem Vater Schach. Jetzt hat er, wie ich bereits oben erwähnte, einen 10jährigen Freund, mit dem er öfters spielt. Auch die 10jährige Tochter einer Freundin spielt manchmal mit ihm. Leider gewinnt meistens Matthias, was für die anderen Kinder demotivierend ist. Ich habe auch schon gehört, wie ihn sein Freund "Klug-scheißer" nannte. Seit Schulbeginn darf er im Gymnasium das Freifach Schach besuchen, er hat dafür eine Sondergenehmigung bekommen. Er hat ungeheuren Spaß daran und freut sich, dass er selbst mit erwachsenen Schülern spielen darf.
Mein Mann und ich haben bis vor einem dreiviertel Jahr alles für ganz normal gehalten. Matthias war unser erstes Kind, und wir hatten keinen Vergleich. Wir wußten natürlich, dass er klug ist, doch wir erkannten, ehrlich gesagt, nicht das Ausmaß seiner Begabung. Jetzt im nachhinein, da wir Literatur über hochbegabte Kinder gelesen haben, fiel uns so manches wie Schuppen von den Augen. Ich erinnere mich, dass unsere Tagesmutter, die bereits 20 Kinder bis zu ihrem Eintritt in den Kindergarten - meist alle vom Babyalter an - betreut hatte, einmal zu mir sagte, dass sie noch nie ein Kind wie Matthias gehabt habe.
Im Kindergarten wurde seine Begabung nicht erkannt, da wurde er nur für schüchtern gehalten.
Dann kam Matthias in die 1. Klasse Volksschule, zu diesem Zeitpunkt konnte er bereits ganz gut lesen. Er schrieb auch immer wieder Dinge auf, z.B. verfasste er Kochrezepte seiner Lieblingsspeisen. Man musste diese laut lesen, um sie verstehen zu können, er schrieb in großen und in kleinen Buchstaben kunterbunt gemixt, alles so, wie es ausgesprochen wird.
Er kam in eine Integrationsklasse mit 20 Kindern und 2 Lehrerinnen, die Hauptlehrerin knapp vor der Pensionierung, die Integrationslehrerin mit 1 Jahr Erfahrung und ausgesprochen engagiert. In der 1. Klasse fühlte er sich sehr wohl. Rückblickend glaube ich auch zu wissen, warum das so war. Am Anfang war der Unterricht für alle Kinder, auch für die Integrationskinder gleich. Sie lernten gemeinsam die Buchstaben. Die Integrationslehrerin veranstaltete bei jedem Buchstaben ein sogenanntes Buchstabenfest, d.h.
es fand Stationenbetrieb mit Offenem Lernen statt. Matthias freute sich immer riesig auf diese Tage. Er war schon am Vortag ganz aufgeregt.
Dann wurde es mühsam. Ich hatte der Hauptlehrerin bald nach Schulbeginn gesagt, dass Matthias bereits lesen könne, und insgeheim gehofft, sie würde dies ein wenig berücksichtigen. Doch ich erkannte bald, dass "alle Schafe über den gleichen Kamm geschoren wurden". Alles ging recht langsam von statten. Matthias wollte schon von Beginn der 1. Klasse an in Schreibschrift schreiben, er hat dies immer wieder versucht. Ich muss dazu sagen, dass er zu diesem Zeitpunkt die Druckschrift noch nicht beherrschte und überhaupt kein sehr schönes Schriftbild hat. Doch am Ende der 1. Klasse mussten die Schüler noch immer mit Bleistift in Heften mit dreigeteilten Zeilen schrieben, und sie beherrschten die Schreibschrift nur zum Teil.
In der 2. Klasse schleppte sich der Herbst nur so dahin, d.h. weiterhin dreizeilige Hefte, Bleistift und im Rechnen ein Zahlenraum bis 20. Und immer wieder die gleichen Rechenbeispiele. Matthias, ein wirklich geduldiges Kind, war manchmal verzweifelt und klagte bei den Hausübungen, dass er sich schrecklich langweile.
Rückblickend glaube ich auch, dass Matthias gerade in dieser Zeit einen weiteren Entwicklungssprung machte und deshalb besonders litt. Er ist ein Asthmakind und hatte in dieser Zeit immer wieder Probleme. Außerdem litt er derart unter Verstopfung, dass ich sogar den Kinderarzt mit ihm konsultieren musste. Jetzt nach Überspringen der Klasse braucht er weder Spray noch hat er Probleme mit seiner Verdauung. In dieser Zeit wurde Matthias immer unzufriedener und unruhiger. Er las sehr viel, wollte am Abend mit seinem Vater Schach spielen und war nicht ins Bett zu bekommen. (Er braucht überhaupt nur 7-8 Stunden Schlaf. Ich wundere mich immer wieder. Selbst wenn es sehr spät geworden ist, steht er um 6 Uhr morgens auf.) Diese Zeit war für uns sehr anstrengend. Wir hatten auch das Gefühl, dass irgendetwas geschehen müsse, uns war nur noch nicht klar, was.
Im Dezember beim Elternsprechtag erlebte ich dann einen "Schock". Ich ging zur Lehrerin mit der Erwartung, dass ich wohl hören würde, dass alles in bester Ordnung sei. Kaum dass ich mich gesetzt hatte, sagte die Lehrerin zu mir, dass es so nicht mehr weitergehen könne und ich Matthias unbedingt einem Psychologen vorstellen sollte. Sie habe eine Dokumentation über hochbegabte Kinder gesehen und dabei sofort an ihn gedacht. Dann zeigte sie mir noch einen Zettel mit Rechnungen, deren Ergebnisse in einem Bild auszumalen waren und beklagte die unmögliche Arbeitshaltung von Matthias. Es handelte sie um ca. 30 völlig simple Rechnungen, bei denen Matthias das Ergebnis nicht hingeschrieben hatte, sondern nur das Bild dazu ausgemalt hatte.
Dann verunsicherte sie mich, indem sie sagte, dass auch seine Schrift auffällig zittrig wäre und sie sich darüber Gedanken mache. Als ich die Klasse verließ, wußte ich nicht so recht, wie ich mich fühlen sollte. Sollte ich lachen oder weinen? So fühle ich mich manchmal auch jetzt, wo mir vieles klar geworden ist. Freude und Sorge vermischt sich immer wieder.
Doch ich denke, dass diese Begabung, wenn man richtig handelt, das Richtige daraus macht, ein wunderbares Geschenk der Natur ist.
Nun tagte der Familienrat. Mein Mann und ich beschlossen, Matthias nicht bei der Schulpsychologin in unserer kleinen Stadt austesten zu lassen. Mir fiel ein, dass ich bei meiner Bibliothekarsausbildung einen Kollegen kennengelernt hatte, der mir erzählt hatte, dass er Hochbegabtenförderer sei. Diesen kontaktierte ich und erhielt von ihm den Rat, mich an Frau Dr. Dr. Richter zu wenden. Also vereinbarten wir mit ihr einen Termin für den 10. Jänner.
Wir sprachen recht vorsichtig mit Matthias darüber und bereiteten ihn auf diese Situation vor.
Ich wusste gar nichts mehr. Noch auf dem Weg nach St. Pölten zu Frau Dr. Dr. Richter sagte ich zu meinem Mann, dass beim Test sicher nichts herauskommen würde und wir uns den Weg hätten sparen können. Ich wollte, dass bei meinen Kinder alles möglichst "normal" abläuft und war unglücklich, als ich im Rückspiegel beobachtete, wie nervös unser Sohn war.
Matthias fand jedoch sofort Kontakt zu Frau Dr. Dr. Richter und wir ließen ihn mit ihr alleine. Der Test dauerte über eine Stunde und verlief sehr gut. Die Psychologin sagte uns, dass Matthias noch besser hätte abschneiden können, wenn er sich mehr zugetraut hätte. Bei manchen Aufgaben, die sie ihm stellte, sagte er von vorherein, dass er das nicht könne, doch nach Zureden löste er sie ohne Probleme. Er hatte eine gewisse Scheu neuen Bereichen oder Aufgaben gegenüber. Übrigens an seiner Schrift konnte die Psychologin nichts Besonderes finden.
Am nächsten Tag trafen wir die Lehrerin vor der Schule, und von ihr auf den Test angesprochen, sagten wir ihr, dass sich ihre Vermutung bestätigt hätte. Wir vereinbarten einen Termin nach Erhalt des schriftlichen Attests für 3 Wochen später. Leider lief alles auf der gleichen Schiene weiter wie bisher. Matthias musste alles mit den anderen mitmachen, es gab keine Extraübungen, keine Hausübung, bei der er sich entfalten konnte. Wir lasen inzwischen die von Frau Dr. Dr. Richter empfohlene Lektüre und präparierten uns mit Mönks und Webb für das Gespräch mit der Lehrerin. Dieses fand dann nach den Semesterferien statt. Nachdem die Lehrerin Einblick in das Attest genommen hatte, dachte sie laut und fragte, was wir da machen könnten. Wir zählten dann auf, was wir wußten: Anreicherung des Stoffes, Beschleunigung, Drehtürmodell. Doch wir fanden in diesem Gespräch keine rechte Lösung. Deshalb deutete ich recht vorsichtig an, dass wir eventuell auch an ein Überspringen denken würden, sofern es so weiterginge wie bisher. Sofort hakte die Lehrerin ein und sagte, dass sie den Zeitpunkt im Semester am günstigsten fände, und sie schickte uns zum Direktor. Dieser war sehr offen und ermöglichte es gemeinsam mit dem Bezirksschulinspektor unserem Sohn, "illegal" von der 2. in die 3. Klasse überzuwechseln. Offziell war unser Sohn Schüler der 2. Klasse und erhielt auch ein Jahreszeugnis der 2. Klasse, tatsächlich saß er 1 Woche nach den Semesterferien bereits in der 3. Klasse.
Ich gestehe, dass ich schrecklich Bauchweh davor hatte. Ich hatte Angst, dass er diesen Wechsel nicht schaffen würde, wurde aber bald eines besseren belehrt. Der Direktor ließ uns zwischen 3 Lehrerinnen wählen, wir entschieden uns für eine ältere, sehr engagierte Lehrerin, die gerade ihren letzten Volksschuldurchgang macht und auch mit Offenem Lernen arbeitet.
Die Lehrerin hatte ihre Schüler sehr gut auf den Neuling vorbereitet. Bevor Matthias in ihre Klasse wechselte, setzten wir uns alle zusammen und unterhielten uns sehr ausführlich mit ihr. Sie ist sehr verständnisvoll, hat ihre Klasse gut vorbereitet und behandelt Matthias wie jedes andere Kind, was mir sehr wichtig ist. Als wir die Bücher bekamen, setzte sich Matthias mit dem 1. Mathematikbuch, das die Klasse gerade abgeschlossen hatte, zum Küchentisch und begann auf jeder Seite willkürlich Aufgaben zu lösen. Ich staunte und war zugleich erleichtert, weil er keine Schwierigkeiten dabei hatte.
Wir haben unsere Entscheidung nicht bereut. Matthias hat den Wechsel von der 2. in die 3. Klasse ohne Schwierigkeiten vollzogen. Er musste nichts nachholen, nichts üben. Er hat nur im Unterricht mitgearbeitet und die Hausübungen gemacht. Er fühlt sich wohl unter seinen neuen Klassenkollegen. Seine neue Lehrerin ist zufrieden mit ihm und sagte mir erst kürzlich, dass sie das Gefühl habe, dass er jetzt gefordert und glücklich sei. Er merkt sich alles, was er hört oder liest, sehr leicht und hat v.a. für Zahlen ein sehr gutes Gedächtnis. Mit der Rechtschreibung hat er manchmal ein wenig Probleme. Doch die Lehrerin sagt, dass seine Rechtschreibung dem Niveau des Großteils der Klasse entspricht.
Vielleicht noch ein paar Bemerkungen zu seiner Merkfähligkeit. Auffällig ist bei Matthias, dass er sich an Dinge, die er im Alter von 3 - 4 Jahren erlebt hat, gut erinnern kann. Er hat auch eine recht gute räumliche Vorstellung und einen ausgezeichneten Orientierungssinn.
Als er 5 Jahre alt war verbrachten wir den Urlaub auf Kreta, wo wir auch die Stadt Chania besichtigten. Wir hatten unser Auto abgestellt und durchstreiften zu Fuß die Stadt. Als wir alle schon recht müde waren, machten wir uns auf den Rückweg. Auf einmal wurde Matthias ziemlich zornig und schrie: " Ihr habt doch versprochen, dass wir zum Auto zurückgehen!" Da merkten wir, dass wir eine Abzweigung versäumt hatten. Matthias war dies nicht entgangen.
Manchmal beschäftigt er sich auch mit Dingen, für die er einfach noch zu jung ist, die er noch nicht verarbeiten kann und die ihm auch zu schaffen machen. So hat er vor ein paar Monaten ein Geo-Heft mit einem Bericht über die Flugzeugkatastrophe von Lockerbie erwischt und darüber sehr lange nachsinniert.
Ich könnte noch viele kleinere Episoden dieser Art erzählen.
Vielleicht noch eine kleine Geschichte, die meinen Mann und mich erst vor ein paar Tagen zum Schmunzeln brachte. Wir beobachteten unsere Kinder beim Spielen im Garten. Sie kämpften miteinander, doch sie spielten nicht Räuber und Gendarm oder Indianer und Cowboy, sondern, wie sie uns erklärten, Elisabeth I. und Philipp II. und versenkten gerade die Spanische Armada im Garten.
Matthias ist das erste Kind im ganzen Bezirk, das eine Klasse übersprungen hat. Man wußte sich sehr vieles über ihn und über die ganze Familie zu erzählen. Da waren sogar Gerüchte im Umlauf, dass er bereits perfekt Lateinisch sprechen könne und anderer Blödsinn. Natürlich sagte man auch, dass er eine ehrgeizige Mutter hätte, die eben selbst Lehrerin sei und es sich schon richte usw. Bis auf 2 Ausnahmen hat uns selbst niemand angesprochen, dafür hat man über uns gesprochen. Wenn ich vor der Volksschule auf meinen Sohn wartete, hat man mich regelrecht geschnitten und ist mir aus dem Weg gegangen. Mittlerweile hat sich dies jedoch wieder gelegt.

Maximilian

Während bei unserem älteren Sohn jetzt alles recht gut verläuft, macht uns unser jüngerer Sohn Sorgen. Maximilian ist Ende November 1994 geboren und immer im Schatten seines großen Bruders, der unsere ganze Aufmerksamkeit beanspruchte, gestanden. Wir hatten unserem Kleinen gegenüber oft ein schlechtes Gewissen. Maximilian lief oft, wie man so schön sagt, nur "nebenher", hat sich aber, ohne dass wir das gleich merkten, zu einem sehr schlauen Bürschchen entwickelt.
Mit 5 Jahren begann er sich für Buchstaben und Zahlen zu interessieren, ohne dass wir das gefördert hätten. Er hatte auch schon immer, genauso wie sein Bruder, eine unwahrscheinliche Ausdauer beim Vorlesen.
Deshalb ließen wir ihn im Februar von Frau Dr. Richter hinsichtlich der Schulreife austesten. Als ich ihn im Kindergarten entschuldigte und seiner Tante den Grund für seine Abwesenheit mitteilte, sagte sie mir, dass sie ihn nicht für schulreif hielte. Als Grund nannte sie mir, dass er sich im Kindergarten immer wieder weigerte zu zeichnen und zu malen. Seltsamerweise entstanden zu Hause oft stapelweise Zeichnungen zu Themen, die ihn interessierten. Er zeichnete z.B. wochenlang Kreuzritter mit Topfhelmen und anderen Details .
Der Test bei Frau Dr. Richter zeigte eine eindeutige Schulreife Maximilians. Er hat im Alter von 5 Jahren und 3 Monaten alle Aufgaben für Sechsjährige und den Großteil der Aufgaben für Siebenjährige bewältigt, woraus sich in etwa ein Entwicklungsvorsprung von 14 Monaten berechnen ließ.
Trotzdem haben wir noch zugewartet und ihn erst Ende Mai in der Schule angemeldet, wohl deshalb weil er nicht so geduldig und vernünftig ist wie sein Bruder. Doch wir haben es nicht bereut. Während Maximilian seit seinem 5. Geburtstag einzelne Buchstaben kannte und immer wieder kürzere Wörter las, hat er sich mit Schulbeginn ganz toll entwickelt. Er hat sich sehr rasch das Lesen angeeignet und eine ungeheure Freude daran, alles zu lesen. Er bleibt überall stehen und liest. Er liest Erstlesebücher und schreibt mit Begeisterung auch verschiedenste Begriffe auf seine Zeichnungen.
Er kann sich stundenlang mit Büchern beschäftigen, bevorzugt v.a. Kinderlexika und Sachbücher, hört sich Kassetten über Mozart, Beethoven etc. an, nimmt sich von seinem Bruder die Englischkassetten, hört sie an, lernt Vokabel durch Nachsprechen, verlangt ständig nach neuen Herausforderungen. Zu seinen Lieblingssendungen zählen neben Löwenzahn Universum und Discovery. Der Umgang mit (leider) unserem Computer ist schon seit mindestens 1 Jahr eine Selbstverständlichkeit für ihn. Immer wieder stellt er Fragen. Erst kürzlich saßen wir beim Mittagstisch, als er mit seinem Spinat Australien formte und von den Aborigines zu sprechen begann. Ein andres Mal wiederum fragte er, warum Leonardo da Vinci den Menschen mit 4 Armen und 4 Beinen gezeichnet habe. Erst heute biss er ein Stück Käse zurecht und sagte: "Das ist jetzt quadratisch!" Er erstaunt uns jeden Tag aufs neue. Wir haben ihn lange Zeit völlig unterschätzt.
Ich dachte nicht im Traum daran, dass es Schwierigkeiten in der Schule geben könnte. Er selbst geht gerne zur Schule und hat uns schon öfter aus freien Stücken erklärt, dass er froh darüber sei, nicht mehr in den Kindergarten gehen zu müssen.
Umso erstaunter war ich, als ich nun bei der Volksschullehrerin vorsprach und nachfragte, wie es ihm gehe.
Sie eröffnete mir, dass sie sich überlege ihn in die Vorschulklasse zurückzugeben. Als Grund nannte sie mir feinmotorische und graphische Probleme. Maximilian schreibt sicher nicht besonders schön - so wie übrigens sein Bruder auch. Er drückt ziemlich fest mit dem Bleistift auf, die Buchstaben sind noch etwas eckig und wackelig. Dafür hat er noch nie bei der Hausübung die Sätzchen abgeschrieben, sondern ich habe sie ihm immer diktiert. Die Lehrerin meinte weiters, dass er auch rasch ermüde und dass sie ihn immer wieder anschauen müsse, bis er weiterschreibe.
Das muss ich bei der ja noch nicht gerade anspruchsvollen Hausübung auch manchmal machen. Erst kürzlich hatte er auf einem Blatt jeweils 2 Kugerl einzuringeln und anzumalen. Mit der Zeit wurden aus den Ringerl Zickzacklinien, die letzten Kugerl waren schließlich kleine Monster geworden. Darunter hatte er noch 32 - die Anzahl der Kugerl geschrieben.
Ich fühlte mich beim Gespräch mit der Lehrerin völlig missverstanden. Ich hatte den Eindruck, sie halte mich für eine überehrgeizige Mutter, die meine, weil ein Kind gescheit sei, müsse es das andere auch sein. Als ich ihr sagte, dass er schon lese, hatte ich den Eindruck, dass ihr das bislang noch nicht aufgefallen sei.
Wir haben uns nun Rat von Herrn Dr. Maislinger geholt und werden uns auf jeden Fall wehren, sollte das mit der Vorschule spruchreif werden. Die Vorschule würde unseren Sohn sicher brechen und ihm ungeheuren Schaden zufügen. Übrigens eine Freundin von uns, selbst Volksschullehrerin in einer ersten Klasse, hat Maximilians Hefte durchgesehen, und an seinem Schriftbild nichts festgestellt, was auffälliger wäre als bei anderen Schülern bzw. ein Grund wäre, ihn zurückzustufen.
Wir haben nun ein buntes Übungsheft ausgesucht, und Maximilian hat uns versprochen, 3 Zeilen pro Tag das Schönschreiben zu üben. Auf den Deckel hat er die Tricolore gemalt und einen Soldaten mit Uniform aus der Zeit der französischen Revolution, ein Thema, mit dem er sich gerade beschäftigt.

Brigitte Schram, Horn/NÖ, 20. Oktober 2000


 Aktuell vom 23.10.2000

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