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Matthias
Ich beginne meinen Erfahrungsbericht
über unseren Sohn Matthias mit dessen Geburt und versuche
seine Entwicklung nach einzelnen Gesichtspunkten, sofern sich
diese getrennt darstellen lassen, zu beschreiben.
Matthias wurde am 16.5.1992 geboren. Er war bei der Geburt insofern
schon ein besonderes Baby, weil er 4,75 kg schwer und 55 cm groß
war. Dadurch ging seine motorische Entwicklung sehr rasch voran.
Matthias drehte sich (übrigens aus Neugier) bereits im Alter
von zwei Monaten von der Bauch- in die Rückenlage, ab 5
Monaten war er mit dem Laufwagerl unterwegs und erkundete die
ganze Umgebung, öffnete alle Laden und Kastentüren
und grub in der Erde der Blumenstöcke. Mit 7 Monaten wollte
er nur mehr -an beiden Händen gehalten - marschieren, mit
ca. 11 Monaten ging er dann alleine.
In diesem Alter begann auch kurzfristig eine extreme Trotzphase,
die mich überraschte und die ich nie für möglich
gehalten hätte. Als Matthias wieder einmal Geschirr aus
dem Küchenkasten räumen wollte und ich ihn nett, aber
bestimmt darauf hinwies, dass er dies nicht dürfe, kniete
er sich auf den Fliesenboden hin und schlug mit voller Wucht
seinen Kopf darauf. Er brüllte schrecklich, ich war völlig
schockiert. Bereits an einem der nächsten Tage gab es eine
ähnliche Situation, ein kleines Verbot und schon wieder
kniete er nieder und tippte diesmal nur mehr sehr vorsichtig
mit dem Kopf auf den Boden, indem er dazwischen Pausen einlegte,
mich ansah und meine Reaktion abwartete. Ich sah nicht hin oder
versuchte es wenigstens und sagte zu ihm: "Hau dir ruhig
deinen Kopf an. Mir tut es nicht weh!" Damit war das Kopfaufschlagen
ein für allemal vorbei.
Um bei Trotzphasen zu bleiben: Die nächste Trotzphase mit
etwa 2 Jahren war wirklich sehr anstrengend für mich. Er
ließ sich bei jeder Gelegenheit zu Boden fallen und brüllte
ganz schrecklich: Zuhause, in den Geschäften, auf der Straße.
Ich erlebte dabei, dass mich Leute aufforderten, ihm doch endlich
einmal den Hintern zu verklopfen. Ich war in dieser Zeit gerade
schwanger, hatte Probleme und musste mich, so gut es ging, schonen.
Er wusste auch, dass ich ihn nicht tragen sollte, und nutzte
dies aus.
An ein Ereignis erinnere ich mich besonders gut: Ich erwartete,
wie schon gesagt, ein Baby, mein Mann hatte Kreuzschmerzen und
konnte sich kaum rühren, es war Hochsommer, wir fuhren in
die Stadt zum Einkaufen. Matthias weigerte sich aus dem Auto
auszusteigen, die Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.
Wir konnten ihn beide nicht so recht aufheben. Ge-meinsam zerrten
wir ihn aus dem Auto, daraufhin ließ er sich auf den Gehsteig
fallen und
"kugelte" einige Meter weit - natürlich vor schaulustigen
Passanten.
Er weigerte sich auch manchmal, seine Großeltern zu besuchen
und machte schon bei der Eingangstür einen "Aufstand".
Aus Protest saß er des öfteren brüllend in der
Auslage des Bekleidungsgeschäfts der Großeltern. Manchmal
kam mir in dieser Zeit das Heulen.
Wenn ich in meine Aufzeichnungen sehe, die ich in der Anfangszeit
recht intensiv führte, lese ich immer wieder, dass er gerade
schwierig bzw. trotzig gewesen sei. Ich erinnere mich auch an
einen kurzen Zeitraum, in dem er regelmäßig am späten
Abend oder in der Nacht munter wurde, weinte und schrie und oft
eine halbe Stunde auf kein Zureden, Streicheln, Beruhigen reagierte.
Wir führten dieses Verhalten auf intensives Träumen
zurück.
Doch die schwierigen Seiten unseres Sohnes kannten nur wir. Bei
seiner Tagesmutter war er stets mustergültig, ebenso im
Kindergarten und jetzt in der Schule. Außer Haus fiel er
nie auf, ordnete sich immer unter (zuviel, wie ich meine). Mittlerweile
ist aus dem einstigen Trotzkopf ein höchst vernünftiges,
verantwortungsbewußtes Kind geworden.
Es passt vielleicht hier nicht ganz herein. Matthias beschloss
mit 4,5 Jahren Vegetarier zu werden und hat dies bis heute strikt
eingehalten.
Da ich aufgrund eines befristeten Vertrages nur die Mutterschutzzeit
zuhause blieb, brachte ich Matthias bei einer Tagesmutter unter,
wo er bestens betreut mit 4 Mädchen den Vormittag verbrachte.
Obwohl er von Anfang an mit Kindern zusammen war, entwickelte
er sich nicht zu einem "sozialen Wesen". Er spielte
zwar mit den anderen Kindern bei der Tagesmutter oder später
im Kindergarten, wollte aber außerhalb dieser Zeit mit
keinen anderen Kindern zu tun haben. Ich war über diesen
Umstand gar nicht glücklich und versuchte eine Zeitlang
immer wieder, ihn auch am Nachmittag zum Spielen mit anderen
zu bewegen. Noch dazu wohnen wir in einer kinderreichen Siedlung
mit mehreren Kindern in seinem Alter. Ich machte ihm auch öfter
den Vorschlag, Kinder einzuladen. Dies lehnte er jedesmal ab
und begründete es auch mit: "Wozu? Ich brauche keine
Kinder. Ich habe ja dich." Im Alter von 4 Jahren meldete
ich ihn für die musikalische Früherziehung in der Musikschule
an, doch er war dort so unglücklich, dass ich ihn nach 2-3mal
nicht länger quälen wollte und herausnahm. Ähnlich
ging es uns im Urlaub in einem Klub, in dem Aktivitäten
für Kinder angeboten wurden. Manchmal versteckte er sich
regelrecht hinter mir, er hing, wie man im Volksmund so schön
sagt, an meinem "Rockzipfel". Erst im Verlauf der 1.
Klasse wurde er für seine Verhältnisse etwas lockerer.
Er fühlt sich schon seit jeher recht wohl unter Erwachsenen
und zieht deren Gesellschaft der von Kindern vor. Seit er jedoch
eine Klasse übersprungen hat (Er wechselte nach den Semesterferien
von der 2. in die 3. Klasse - ich werde darauf noch ausführlich
zu sprechen kommen), ist er wieder mehr Kind und hat auch Freunde
gefunden, v.a. mit einem sehr klugen Burschen, der, weil er ein
Herbstkind ist und später in der Schule begann, schon fast
10 Jahre alt ist, pflegt er intensiveren Kontakt. Die beiden
haben die gleichen Interessen, spielen Schach miteinander und
schauen im Lexikon nach, wie weit der Mond oder Mars etc. von
der Erde entfernt ist, weil sie die Handarbeitslehrerin mit einer
Atomrakete dorthin befördern wollen.
Nachdem ich versucht habe, die soziale Entwicklung von Matthias
in groben Zügen dazustellen, möchte ich jetzt auf seine
sprachliche Entwicklung ein wenig eingehen:
Ich habe von Anfang an mit Matthias gesprochen und auch sehr
früh begonnen, ihm Bücher zu zeigen und daraus vorzulesen.
Matthias verstand schon viele Dinge mit 5 Monaten und führte
in diesem Alter auch einige Dinge, wie z.B. zu zeigen, wie groß
er schon sei, aus.
Er verfügte mit einem Jahr schon über einen kleinen
Wortschatz, wobei viele Wörter nur mein Mann und ich verstehen
konnten. Mit zwei Jahren sprach er schon wunderschön und
verwendete sogar Konjunktionalsätze mit "um zu",
"weil" etc.
Ich führe das auf sein Interesse am Vorlesen zurück.
Er hatte dabei große Ausdauer. Wie ich schon oben erwähnte,
hatte ich bei meiner zweiten Schwangerschaft Probleme, musste
mich schonen und sollte auch möglichst viel liegen. So bin
ich oft im Bett gelegen und habe Matthias, der neben mir in einem
Bücherberg saß, zwei Stunden ohne Unterbrechung vorgelesen.
Er hörte die ganze Zeit gespannt zu.
Heute hat er einen ungeheuer großen Wortschatz, der auch
schon viele Fremdwörter beinhaltet, und drückt sich
sehr gewählt aus. Oft denke ich, mancher Erwachsene würde
ihn darum beneiden.
Matthias begann mit etwa 5 bis 5,5 Jahren selbst zu lesen. Er
konnte innerhalb kürzester Zeit die Buchstaben und verlangte
immer wieder von mir, dass ich ihm Wörter aufschreiben solle.
Er hatte auch am Abend, wenn er schon im Bett lag, keine Ruhe,
kam immer wieder aus seinem Zimmer und wollte lesen. Ich musste
ihm oft bis zu 40 Wörter aufschreiben, die er dann laut
vorlas. Erst dann ging er wieder zu Bett. Er war fasziniert davon,
endlich selbst lesen zu können.
Heute ist er ein richtiger Bücherwurm. Bevor er die Klasse
wechselte las er bis zu 150 kleingedruckte Seiten täglich.
Manchmal war ihm richtig schwindlig (Er trägt bereits seit
seinem 5. Lebensjahr eine Brille und hat über 3 Dioptrin).
Nach den Erstlesebüchern entdeckte er schon bald Werke aus
Thomas Brezinas Feder. Er verschlang diese Bücher. Ich hatte
zwar wenig Freude, doch ließ ich ihn walten. Bald wandte
er sich von Brezina ab. Derzeit liest er gelegentlich Gruselgeschichten,
meist jedoch Lexika. Seit kurzem hat ihn, so wie viele Kinder,
das Harry-Potter-Fieber erfasst.
Wir haben mittlerweile einen Handapparat mit Kinderlexika und
Sachbüchern zu verschiedensten Themen im Wohnzimmer aufgestellt,
den wir ständig erweitern. Er beginnt oft schon beim Frühstück
zu lesen. Manchmal führt das dann zu kleineren Konflikten.
Er hört und sieht nichts, wenn er im Lesen vertieft ist
und sucht immer wieder Ruhe. Wir gehen regelmäßig
in die Stadtbücherei. Zum Glück gibt es dort kein Limit,
was die Anzahl entlehnter Bücher betrifft. So kommen wir
meist mit einer riesigen Tasche voll Bücher heim. Beide
Kinder (Matthias hat noch einen jüngeren Bruder, Maximilian,
der jetzt gerade fast 6 Jahre alt ist) sind dann für Stunden
damit beschäftigt, die neuen Bücher zu erkunden. Oft
streiten sie auch darum, wer als erster das Wasistwas-Buch über
die Gladiatoren, Olympischen Spiele etc. ansehen darf.
Zu Weihnachten hat Matthias für die Familie und für
seine Lehrerin ein Buch geschrieben. Es umfasst etwa 30 handgeschriebene
Seiten, die er auf einem Block vorschrieb und, nachdem ich sie
hinsichtlich der Rechtschreibfehler korrigiert hatte, reinschrieb.
Er hat auch Zeichnungen dazu gemacht. Die Handlung ist eine Mischung
aus Kriminal- und Fantasyge-
schichte, die Akteure sind Matthias und sein Freund. Die Kulisse
sind markante Bauwerke in Rom, die ihn bei unserem Besuch in
der "Ewigen Stadt" besonders beeindruckten.
Matthias spielt / arbeitet seit frühester Kindheit am Computer.
Wir haben entsprechende Software angeschafft, z.B. die Addy Junior-Serie
und die jetzt neu erschienenen CDRoms aus der Wasistwas-Reihe.
Matthias hat sich hierbei großes Wissen über das Rittertum
angeeignet.
Besonderes Interesse zeigt er, wie ich schon oben erwähnte,
für geschichtliche Themen. Deshalb habe ich ihm eine CDRom
über den Geschichtsstoff der 2. Klasse AHS/HS besorgt.
Matthias ist an vielen Dingen sehr interessiert: Geschichte,
Geographie, Biologie, Weltraum etc. Wir müssen ihm ständig
Informationen geben. Er verlangt unsere ganze Aufmerksamkeit.
Im Frühsommer beschäftigte er sich mit griechischer
und römischer Mythologie, wobei er auch verschiedenen Überlieferungen
nachgeht, in den Ferien begeisterte er sich am Nibelungenlied.
Er besucht mit Begeisterung Ausstellungen und Museen mit uns.
Ich muss dazu sagen, dass wir unsere Kinder von Anfang an (noch
im Babytragetuch) überallhin mitgenommen haben.
Sie haben sich noch nie über einen Museumsbesuch beschwert.
Matthias hat sogar im Alter von 7 Jahren aus freien Stücken
im Technischen Museum Notizen über für ihn interessante
Objekte gemacht..
Matthias hat besondere Freude an Strategiespielen. Er begann
früh mit dem Schachspielen, liebt aber auch "Risiko".
Meistens spielt er mit seinem Vater Schach. Jetzt hat er, wie
ich bereits oben erwähnte, einen 10jährigen Freund,
mit dem er öfters spielt. Auch die 10jährige Tochter
einer Freundin spielt manchmal mit ihm. Leider gewinnt meistens
Matthias, was für die anderen Kinder demotivierend ist.
Ich habe auch schon gehört, wie ihn sein Freund "Klug-scheißer"
nannte. Seit Schulbeginn darf er im Gymnasium das Freifach Schach
besuchen, er hat dafür eine Sondergenehmigung bekommen.
Er hat ungeheuren Spaß daran und freut sich, dass er selbst
mit erwachsenen Schülern spielen darf.
Mein Mann und ich haben bis vor einem dreiviertel Jahr alles
für ganz normal gehalten. Matthias war unser erstes Kind,
und wir hatten keinen Vergleich. Wir wußten natürlich,
dass er klug ist, doch wir erkannten, ehrlich gesagt, nicht das
Ausmaß seiner Begabung. Jetzt im nachhinein, da wir Literatur
über hochbegabte Kinder gelesen haben, fiel uns so manches
wie Schuppen von den Augen. Ich erinnere mich, dass unsere Tagesmutter,
die bereits 20 Kinder bis zu ihrem Eintritt in den Kindergarten
- meist alle vom Babyalter an - betreut hatte, einmal zu mir
sagte, dass sie noch nie ein Kind wie Matthias gehabt habe.
Im Kindergarten wurde seine Begabung nicht erkannt, da wurde
er nur für schüchtern gehalten.
Dann kam Matthias in die 1. Klasse Volksschule, zu diesem Zeitpunkt
konnte er bereits ganz gut lesen. Er schrieb auch immer wieder
Dinge auf, z.B. verfasste er Kochrezepte seiner Lieblingsspeisen.
Man musste diese laut lesen, um sie verstehen zu können,
er schrieb in großen und in kleinen Buchstaben kunterbunt
gemixt, alles so, wie es ausgesprochen wird.
Er kam in eine Integrationsklasse mit 20 Kindern und 2 Lehrerinnen,
die Hauptlehrerin knapp vor der Pensionierung, die Integrationslehrerin
mit 1 Jahr Erfahrung und ausgesprochen engagiert. In der 1. Klasse
fühlte er sich sehr wohl. Rückblickend glaube ich auch
zu wissen, warum das so war. Am Anfang war der Unterricht für
alle Kinder, auch für die Integrationskinder gleich. Sie
lernten gemeinsam die Buchstaben. Die Integrationslehrerin veranstaltete
bei jedem Buchstaben ein sogenanntes Buchstabenfest, d.h.
es fand Stationenbetrieb mit Offenem Lernen statt. Matthias freute
sich immer riesig auf diese Tage. Er war schon am Vortag ganz
aufgeregt.
Dann wurde es mühsam. Ich hatte der Hauptlehrerin bald nach
Schulbeginn gesagt, dass Matthias bereits lesen könne, und
insgeheim gehofft, sie würde dies ein wenig berücksichtigen.
Doch ich erkannte bald, dass "alle Schafe über den
gleichen Kamm geschoren wurden". Alles ging recht langsam
von statten. Matthias wollte schon von Beginn der 1. Klasse an
in Schreibschrift schreiben, er hat dies immer wieder versucht.
Ich muss dazu sagen, dass er zu diesem Zeitpunkt die Druckschrift
noch nicht beherrschte und überhaupt kein sehr schönes
Schriftbild hat. Doch am Ende der 1. Klasse mussten die Schüler
noch immer mit Bleistift in Heften mit dreigeteilten Zeilen schrieben,
und sie beherrschten die Schreibschrift nur zum Teil.
In der 2. Klasse schleppte sich der Herbst nur so dahin, d.h.
weiterhin dreizeilige Hefte, Bleistift und im Rechnen ein Zahlenraum
bis 20. Und immer wieder die gleichen Rechenbeispiele. Matthias,
ein wirklich geduldiges Kind, war manchmal verzweifelt und klagte
bei den Hausübungen, dass er sich schrecklich langweile.
Rückblickend glaube ich auch, dass Matthias gerade in dieser
Zeit einen weiteren Entwicklungssprung machte und deshalb besonders
litt. Er ist ein Asthmakind und hatte in dieser Zeit immer wieder
Probleme. Außerdem litt er derart unter Verstopfung, dass
ich sogar den Kinderarzt mit ihm konsultieren musste. Jetzt nach
Überspringen der Klasse braucht er weder Spray noch hat
er Probleme mit seiner Verdauung. In dieser Zeit wurde Matthias
immer unzufriedener und unruhiger. Er las sehr viel, wollte am
Abend mit seinem Vater Schach spielen und war nicht ins Bett
zu bekommen. (Er braucht überhaupt nur 7-8 Stunden Schlaf.
Ich wundere mich immer wieder. Selbst wenn es sehr spät
geworden ist, steht er um 6 Uhr morgens auf.) Diese Zeit war
für uns sehr anstrengend. Wir hatten auch das Gefühl,
dass irgendetwas geschehen müsse, uns war nur noch nicht
klar, was.
Im Dezember beim Elternsprechtag erlebte ich dann einen "Schock".
Ich ging zur Lehrerin mit der Erwartung, dass ich wohl hören
würde, dass alles in bester Ordnung sei. Kaum dass ich mich
gesetzt hatte, sagte die Lehrerin zu mir, dass es so nicht mehr
weitergehen könne und ich Matthias unbedingt einem Psychologen
vorstellen sollte. Sie habe eine Dokumentation über hochbegabte
Kinder gesehen und dabei sofort an ihn gedacht. Dann zeigte sie
mir noch einen Zettel mit Rechnungen, deren Ergebnisse in einem
Bild auszumalen waren und beklagte die unmögliche Arbeitshaltung
von Matthias. Es handelte sie um ca. 30 völlig simple Rechnungen,
bei denen Matthias das Ergebnis nicht hingeschrieben hatte, sondern
nur das Bild dazu ausgemalt hatte.
Dann verunsicherte sie mich, indem sie sagte, dass auch seine
Schrift auffällig zittrig wäre und sie sich darüber
Gedanken mache. Als ich die Klasse verließ, wußte
ich nicht so recht, wie ich mich fühlen sollte. Sollte ich
lachen oder weinen? So fühle ich mich manchmal auch jetzt,
wo mir vieles klar geworden ist. Freude und Sorge vermischt sich
immer wieder.
Doch ich denke, dass diese Begabung, wenn man richtig handelt,
das Richtige daraus macht, ein wunderbares Geschenk der Natur
ist.
Nun tagte der Familienrat. Mein Mann und ich beschlossen, Matthias
nicht bei der Schulpsychologin in unserer kleinen Stadt austesten
zu lassen. Mir fiel ein, dass ich bei meiner Bibliothekarsausbildung
einen Kollegen kennengelernt hatte, der mir erzählt hatte,
dass er Hochbegabtenförderer sei. Diesen kontaktierte ich
und erhielt von ihm den Rat, mich an Frau Dr. Dr. Richter zu
wenden. Also vereinbarten wir mit ihr einen Termin für den
10. Jänner.
Wir sprachen recht vorsichtig mit Matthias darüber und bereiteten
ihn auf diese Situation vor.
Ich wusste gar nichts mehr. Noch auf dem Weg nach St. Pölten
zu Frau Dr. Dr. Richter sagte ich zu meinem Mann, dass beim Test
sicher nichts herauskommen würde und wir uns den Weg hätten
sparen können. Ich wollte, dass bei meinen Kinder alles
möglichst "normal" abläuft und war unglücklich,
als ich im Rückspiegel beobachtete, wie nervös unser
Sohn war.
Matthias fand jedoch sofort Kontakt zu Frau Dr. Dr. Richter und
wir ließen ihn mit ihr alleine. Der Test dauerte über
eine Stunde und verlief sehr gut. Die Psychologin sagte uns,
dass Matthias noch besser hätte abschneiden können,
wenn er sich mehr zugetraut hätte. Bei manchen Aufgaben,
die sie ihm stellte, sagte er von vorherein, dass er das nicht
könne, doch nach Zureden löste er sie ohne Probleme.
Er hatte eine gewisse Scheu neuen Bereichen oder Aufgaben gegenüber.
Übrigens an seiner Schrift konnte die Psychologin nichts
Besonderes finden.
Am nächsten Tag trafen wir die Lehrerin vor der Schule,
und von ihr auf den Test angesprochen, sagten wir ihr, dass sich
ihre Vermutung bestätigt hätte. Wir vereinbarten einen
Termin nach Erhalt des schriftlichen Attests für 3 Wochen
später. Leider lief alles auf der gleichen Schiene weiter
wie bisher. Matthias musste alles mit den anderen mitmachen,
es gab keine Extraübungen, keine Hausübung, bei der
er sich entfalten konnte. Wir lasen inzwischen die von Frau Dr.
Dr. Richter empfohlene Lektüre und präparierten uns
mit Mönks und Webb für das Gespräch mit der Lehrerin.
Dieses fand dann nach den Semesterferien statt. Nachdem die Lehrerin
Einblick in das Attest genommen hatte, dachte sie laut und fragte,
was wir da machen könnten. Wir zählten dann auf, was
wir wußten: Anreicherung des Stoffes, Beschleunigung, Drehtürmodell.
Doch wir fanden in diesem Gespräch keine rechte Lösung.
Deshalb deutete ich recht vorsichtig an, dass wir eventuell auch
an ein Überspringen denken würden, sofern es so weiterginge
wie bisher. Sofort hakte die Lehrerin ein und sagte, dass sie
den Zeitpunkt im Semester am günstigsten fände, und
sie schickte uns zum Direktor. Dieser war sehr offen und ermöglichte
es gemeinsam mit dem Bezirksschulinspektor unserem Sohn, "illegal"
von der 2. in die 3. Klasse überzuwechseln. Offziell war
unser Sohn Schüler der 2. Klasse und erhielt auch ein Jahreszeugnis
der 2. Klasse, tatsächlich saß er 1 Woche nach den
Semesterferien bereits in der 3. Klasse.
Ich gestehe, dass ich schrecklich Bauchweh davor hatte. Ich hatte
Angst, dass er diesen Wechsel nicht schaffen würde, wurde
aber bald eines besseren belehrt. Der Direktor ließ uns
zwischen 3 Lehrerinnen wählen, wir entschieden uns für
eine ältere, sehr engagierte Lehrerin, die gerade ihren
letzten Volksschuldurchgang macht und auch mit Offenem Lernen
arbeitet.
Die Lehrerin hatte ihre Schüler sehr gut auf den Neuling
vorbereitet. Bevor Matthias in ihre Klasse wechselte, setzten
wir uns alle zusammen und unterhielten uns sehr ausführlich
mit ihr. Sie ist sehr verständnisvoll, hat ihre Klasse gut
vorbereitet und behandelt Matthias wie jedes andere Kind, was
mir sehr wichtig ist. Als wir die Bücher bekamen, setzte
sich Matthias mit dem 1. Mathematikbuch, das die Klasse gerade
abgeschlossen hatte, zum Küchentisch und begann auf jeder
Seite willkürlich Aufgaben zu lösen. Ich staunte und
war zugleich erleichtert, weil er keine Schwierigkeiten dabei
hatte.
Wir haben unsere Entscheidung nicht bereut. Matthias hat den
Wechsel von der 2. in die 3. Klasse ohne Schwierigkeiten vollzogen.
Er musste nichts nachholen, nichts üben. Er hat nur im Unterricht
mitgearbeitet und die Hausübungen gemacht. Er fühlt
sich wohl unter seinen neuen Klassenkollegen. Seine neue Lehrerin
ist zufrieden mit ihm und sagte mir erst kürzlich, dass
sie das Gefühl habe, dass er jetzt gefordert und glücklich
sei. Er merkt sich alles, was er hört oder liest, sehr leicht
und hat v.a. für Zahlen ein sehr gutes Gedächtnis.
Mit der Rechtschreibung hat er manchmal ein wenig Probleme. Doch
die Lehrerin sagt, dass seine Rechtschreibung dem Niveau des
Großteils der Klasse entspricht.
Vielleicht noch ein paar Bemerkungen zu seiner Merkfähligkeit.
Auffällig ist bei Matthias, dass er sich an Dinge, die er
im Alter von 3 - 4 Jahren erlebt hat, gut erinnern kann. Er hat
auch eine recht gute räumliche Vorstellung und einen ausgezeichneten
Orientierungssinn.
Als er 5 Jahre alt war verbrachten wir den Urlaub auf Kreta,
wo wir auch die Stadt Chania besichtigten. Wir hatten unser Auto
abgestellt und durchstreiften zu Fuß die Stadt. Als wir
alle schon recht müde waren, machten wir uns auf den Rückweg.
Auf einmal wurde Matthias ziemlich zornig und schrie: "
Ihr habt doch versprochen, dass wir zum Auto zurückgehen!"
Da merkten wir, dass wir eine Abzweigung versäumt hatten.
Matthias war dies nicht entgangen.
Manchmal beschäftigt er sich auch mit Dingen, für die
er einfach noch zu jung ist, die er noch nicht verarbeiten kann
und die ihm auch zu schaffen machen. So hat er vor ein paar Monaten
ein Geo-Heft mit einem Bericht über die Flugzeugkatastrophe
von Lockerbie erwischt und darüber sehr lange nachsinniert.
Ich könnte noch viele kleinere Episoden dieser Art erzählen.
Vielleicht noch eine kleine Geschichte, die meinen Mann und mich
erst vor ein paar Tagen zum Schmunzeln brachte. Wir beobachteten
unsere Kinder beim Spielen im Garten. Sie kämpften miteinander,
doch sie spielten nicht Räuber und Gendarm oder Indianer
und Cowboy, sondern, wie sie uns erklärten, Elisabeth I.
und Philipp II. und versenkten gerade die Spanische Armada im
Garten.
Matthias ist das erste Kind im ganzen Bezirk, das eine Klasse
übersprungen hat. Man wußte sich sehr vieles über
ihn und über die ganze Familie zu erzählen. Da waren
sogar Gerüchte im Umlauf, dass er bereits perfekt Lateinisch
sprechen könne und anderer Blödsinn. Natürlich
sagte man auch, dass er eine ehrgeizige Mutter hätte, die
eben selbst Lehrerin sei und es sich schon richte usw. Bis auf
2 Ausnahmen hat uns selbst niemand angesprochen, dafür hat
man über uns gesprochen. Wenn ich vor der Volksschule auf
meinen Sohn wartete, hat man mich regelrecht geschnitten und
ist mir aus dem Weg gegangen. Mittlerweile hat sich dies jedoch
wieder gelegt.
Maximilian
Während bei unserem älteren
Sohn jetzt alles recht gut verläuft, macht uns unser jüngerer
Sohn Sorgen. Maximilian ist Ende November 1994 geboren und immer
im Schatten seines großen Bruders, der unsere ganze Aufmerksamkeit
beanspruchte, gestanden. Wir hatten unserem Kleinen gegenüber
oft ein schlechtes Gewissen. Maximilian lief oft, wie man so
schön sagt, nur "nebenher", hat sich aber, ohne
dass wir das gleich merkten, zu einem sehr schlauen Bürschchen
entwickelt.
Mit 5 Jahren begann er sich für Buchstaben und Zahlen zu
interessieren, ohne dass wir das gefördert hätten.
Er hatte auch schon immer, genauso wie sein Bruder, eine unwahrscheinliche
Ausdauer beim Vorlesen.
Deshalb ließen wir ihn im Februar von Frau Dr. Richter
hinsichtlich der Schulreife austesten. Als ich ihn im Kindergarten
entschuldigte und seiner Tante den Grund für seine Abwesenheit
mitteilte, sagte sie mir, dass sie ihn nicht für schulreif
hielte. Als Grund nannte sie mir, dass er sich im Kindergarten
immer wieder weigerte zu zeichnen und zu malen. Seltsamerweise
entstanden zu Hause oft stapelweise Zeichnungen zu Themen, die
ihn interessierten. Er zeichnete z.B. wochenlang Kreuzritter
mit Topfhelmen und anderen Details .
Der Test bei Frau Dr. Richter zeigte eine eindeutige Schulreife
Maximilians. Er hat im Alter von 5 Jahren und 3 Monaten alle
Aufgaben für Sechsjährige und den Großteil der
Aufgaben für Siebenjährige bewältigt, woraus sich
in etwa ein Entwicklungsvorsprung von 14 Monaten berechnen ließ.
Trotzdem haben wir noch zugewartet und ihn erst Ende Mai in der
Schule angemeldet, wohl deshalb weil er nicht so geduldig und
vernünftig ist wie sein Bruder. Doch wir haben es nicht
bereut. Während Maximilian seit seinem 5. Geburtstag einzelne
Buchstaben kannte und immer wieder kürzere Wörter las,
hat er sich mit Schulbeginn ganz toll entwickelt. Er hat sich
sehr rasch das Lesen angeeignet und eine ungeheure Freude daran,
alles zu lesen. Er bleibt überall stehen und liest. Er liest
Erstlesebücher und schreibt mit Begeisterung auch verschiedenste
Begriffe auf seine Zeichnungen.
Er kann sich stundenlang mit Büchern beschäftigen,
bevorzugt v.a. Kinderlexika und Sachbücher, hört sich
Kassetten über Mozart, Beethoven etc. an, nimmt sich von
seinem Bruder die Englischkassetten, hört sie an, lernt
Vokabel durch Nachsprechen, verlangt ständig nach neuen
Herausforderungen. Zu seinen Lieblingssendungen zählen neben
Löwenzahn Universum und Discovery. Der Umgang mit (leider)
unserem Computer ist schon seit mindestens 1 Jahr eine Selbstverständlichkeit
für ihn. Immer wieder stellt er Fragen. Erst kürzlich
saßen wir beim Mittagstisch, als er mit seinem Spinat Australien
formte und von den Aborigines zu sprechen begann. Ein andres
Mal wiederum fragte er, warum Leonardo da Vinci den Menschen
mit 4 Armen und 4 Beinen gezeichnet habe. Erst heute biss er
ein Stück Käse zurecht und sagte: "Das ist jetzt
quadratisch!" Er erstaunt uns jeden Tag aufs neue. Wir haben
ihn lange Zeit völlig unterschätzt.
Ich dachte nicht im Traum daran, dass es Schwierigkeiten in der
Schule geben könnte. Er selbst geht gerne zur Schule und
hat uns schon öfter aus freien Stücken erklärt,
dass er froh darüber sei, nicht mehr in den Kindergarten
gehen zu müssen.
Umso erstaunter war ich, als ich nun bei der Volksschullehrerin
vorsprach und nachfragte, wie es ihm gehe.
Sie eröffnete mir, dass sie sich überlege ihn in die
Vorschulklasse zurückzugeben. Als Grund nannte sie mir feinmotorische
und graphische Probleme. Maximilian schreibt sicher nicht besonders
schön - so wie übrigens sein Bruder auch. Er drückt
ziemlich fest mit dem Bleistift auf, die Buchstaben sind noch
etwas eckig und wackelig. Dafür hat er noch nie bei der
Hausübung die Sätzchen abgeschrieben, sondern ich habe
sie ihm immer diktiert. Die Lehrerin meinte weiters, dass er
auch rasch ermüde und dass sie ihn immer wieder anschauen
müsse, bis er weiterschreibe.
Das muss ich bei der ja noch nicht gerade anspruchsvollen Hausübung
auch manchmal machen. Erst kürzlich hatte er auf einem Blatt
jeweils 2 Kugerl einzuringeln und anzumalen. Mit der Zeit wurden
aus den Ringerl Zickzacklinien, die letzten Kugerl waren schließlich
kleine Monster geworden. Darunter hatte er noch 32 - die Anzahl
der Kugerl geschrieben.
Ich fühlte mich beim Gespräch mit der Lehrerin völlig
missverstanden. Ich hatte den Eindruck, sie halte mich für
eine überehrgeizige Mutter, die meine, weil ein Kind gescheit
sei, müsse es das andere auch sein. Als ich ihr sagte, dass
er schon lese, hatte ich den Eindruck, dass ihr das bislang noch
nicht aufgefallen sei.
Wir haben uns nun Rat von Herrn Dr. Maislinger geholt und werden
uns auf jeden Fall wehren, sollte das mit der Vorschule spruchreif
werden. Die Vorschule würde unseren Sohn sicher brechen
und ihm ungeheuren Schaden zufügen. Übrigens eine Freundin
von uns, selbst Volksschullehrerin in einer ersten Klasse, hat
Maximilians Hefte durchgesehen, und an seinem Schriftbild nichts
festgestellt, was auffälliger wäre als bei anderen
Schülern bzw. ein Grund wäre, ihn zurückzustufen.
Wir haben nun ein buntes Übungsheft ausgesucht, und Maximilian
hat uns versprochen, 3 Zeilen pro Tag das Schönschreiben
zu üben. Auf den Deckel hat er die Tricolore gemalt und
einen Soldaten mit Uniform aus der Zeit der französischen
Revolution, ein Thema, mit dem er sich gerade beschäftigt.
Brigitte Schram, Horn/NÖ,
20. Oktober 2000
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