Begräbnis von Franziska Maislinger am 8. September 2005 in St. Georgen



Auf dem Sterbebild meiner Mutter ist ein Foto vom Auwirt.
Das ist ungewöhnlich, aber der Auwirt war die Welt der Auwirts Fanni.

In diesem Haus wurde sie am 25. Juni 1918 geboren.
Hier ist sie aufgewachsen.
In diesem Haus hat sie als sechsjähriges Mädchen ihre Mutter verloren.
Hier hat sie ihren Vater sieben Jahre gepflegt
und auf ihren Andrä gewartet, bis er aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam.
In diesem Haus hat sie Toni und mich auf die Welt gebracht.
Wenn es möglich gewesen wäre, hätte sie sicher auch meinen Vater in diesem Haus geheiratet.
Papa hat mir erzählt, dass Mama die Hochzeitsreise schon nach wenigen Stunden abbrechen wollte um zum Auwirt zurück zu fahren.

Die Welt der Auwirts Fanni war klein. Jedoch nicht abgeschlossen.
Mama hat Menschen herein geholt
und ihren beiden Söhnen den Weg geöffnet.
Sie hat erkannt, dass ihre Söhne Anton und Andreas in eine andere, größere Welt gehören.
Mama wollte daher Toni und mich nie an den Auwirt binden.
Toni war mit 12 Jahren noch immer in der Volksschule. Mama erkannte, dass für sein weiteres Leben die Hauptschule unverzichtbar war. Gegen den Widerstand unseres Volksschullehrers setzte sie seinen Wechsel in die Hauptschule Ostermiething durch. Sie hat ihm damit den Weg zur Matura und seinem Beruf geöffnet.
Was ich eigentlich mache, hat Mama sicher nie ganz verstanden. Die Politikwissenschaft war nie Teil ihrer Welt. Lieber wäre es ihr gewesen, wenn ich Volksschullehrer oder Richter geworden wäre.
Bis ans Ende ihres Lebens konnte ich ihr die Sorge um mein Wohlergehen nicht ganz nehmen.

Es war undenkbar für sie einem Menschen nicht zu helfen.
Ihre Sorge bis zum Schluss war immer, dass alle genug zu essen haben.
Deshalb habe ich die Stelle aus dem Brief des Jakobus Kapitel 2, Vers 17 ausgewählt:

So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.

Franziska Maislinger hatte einen tiefen Glauben an Gott.
Durch ihr Handeln wurde er jeden Tag lebendig.
Mehrmals habe ich sie nach ihren Erinnerungen an Georg Rendl gefragt, und immer gab sie die gleiche Antwort. „Ja, der Professor Rendl hatte nicht immer genug zu essen. Nach der Frühmesse hat er zu mir gesagt, Fannerl, hast du einen Kaffee für mich?“ Mama hat ihm nicht nur den Kaffee gegeben, sondern natürlich auch zu essen. Anders zu handeln war für Franziska Maislinger nicht denkbar.

1925 ist ihre Mutter an Blutvergiftung gestorben.
Ich habe Mama gefragt, wie es ihr als sechsjähriges Mädchen dabei ergangen ist, und immer wieder gab sie die gleiche Antwort: „Den Vater hat das sehr getroffen. Er hat nicht mehr geheiratet, aber wir haben eine tüchtige Dirn bekommen.“ Auf meine Nachfrage, aber du warst doch erst sechs Jahre alt, als deine Mutter starb, gab es nur den Gedanken an den Vater, der jetzt allein dastand.
Dass sie als kleines Mädchen auch allein war, konnte sie bis an ihr Lebensende nicht erkennen.

Meine Mutter war eine kleine Frau. Aber sie hatte ein großes, starkes Herz.
Am Sonntag den 4. September 2005 hat es um 7.30 Uhr aufgehört zu schlagen.
Bis zum Schluss wollte sie im Altenheim nicht wahrhaben, dass sie nicht mehr zum Auwirt zurückkann. Diese Sehnsucht zum Auwirt verband sie mit ihrer Schwester Hilda. Das hat Franzi und Hilda ein Leben lang zusammengeschmiedet. Für diese Treue zu meiner Mutter danke ich meiner Tante Hilda.