Georg Rendl
Haus in Gottes Hand
Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 1951
VIII
Schon während der Zeit des Bauens waren wir
diesem und jenem der Nachbarn in Berührung ge-
kommen. Wir spürten zuerst nichts als ein neugieriges
Mißtrauen. Sie fragten sich wohl: Was wollen diese
Eindringlinge hier? Bauen da ein Haus, das niemand
geschenkt möchte, stecken Geld hinein -. Und der
Mann macht sich zum eigenen Taglöhner und Hand-
werker, auch die Frau greift zu. Also doch arme Leute,
die der Gemeinde einmal zur Last fallen werden! Man
muß sie ein wenig von oben herab behandeln.
Im Herbst, als wir noch bauten, kam ein Mann aus
der Nachbarschaft: er trieb eine Kuh auf die Weide,
und die Weide war ein Stück Wiese vor dem Hause.
Ich bereitete Mörtel.
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Der Mann legte die Fingerspitzen an den Hutrand.
Das war sein vorsichtiger Gruß.
Ich zog den Hut.
Er kam näher und tat verwundert:
"Gebaut wird da?" Das wußte er nun schon seit
Wochen, überdies hatte ich schon einige Malge Bier bei
ihm holen lassen. Er war der Wirt nahe der Brücke.
"Wir bauen doch schon seit vier Wochen", sagte ich.
"Schon seit vier Wochen? Darf man nachschauen?"
Freilich durfte er. Sein Gesicht war voll Gram und
Verdruß. Man hatte ihm, wie ich später erfuhr, ein
paar Tage vorher einen Floh ins Ohr gesetzt.
Als er sich ein paar Minuten lang umgesehen hatte,
kam er wieder zu mir und sagte, in die Diele zeigend:
"Groß, viel zu groß!"
"Meinen Sie?" Ich wußte nichts anderes zu antworten.
"Wenn ich´s Ihnen sage, dann wird es schon so sein",
entgegnete er gereizt.
Ich stand vor einem Rätsel. Was ging es ihn an, wie
groß oder klein ich meine Wohnräume haben wollte!
Ich wollte ihn schon fragen, was er eigentlich wolle,
als er auf sein Ziel losschoß:
"Meine Gaststube ist weit als die Hälfte kleiner, und
ich bring´ sie nie voll. Wie wollen Sie den diesen Saal
da füllen? Wie wollen Sie denn existieren, wenn ich
kaum durchkomme! Und ich habe Kühe und Äcker."
"Wer sagt Ihnen denn, daß ich meinen Saal füllen
möchte? Wozu soll ich ihn denn füllen?" fragte ich, da
ich noch immer nicht sicher war, was er meinte?
"Warum verstellen Sie sich denn? Sie wollen doch
ein Gasthaus aufmachen!" rief er.
"Ich, ein Gasthaus? Aber wer sagt Ihnen denn das?"
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"Die Leute sagen es!"
"Ja, die werden es besser wissen als ich!"
Er seufzte:
"Die Leute! Die Leute!" Er war aber noch nicht ganz
sicher, ob ich ihm etwa bloß ausgewichen war und ob
die Leute vielleicht doch recht hatten. Er versuchte noch
herauszubekommen, ob wir reich oder arm seien, aber
ich hatte keinen Grund, ihm darüber Auskunft zu
geben.
Ich sah, daß seine Neugierde größer war als der
Hunger der Kuh. Sie hatte die ganze Zeit über da-
gestanden, ohne einen einzigen Grashalm zu fressen.
Der Wirt trieb sie dann heim.
Wir lernten den Wirt bald inwendig und auswendig
kennen. Wir sind gute Nachbarn geworden und ge-
blieben. Nicht selten auch waren wir seine Gäste.
Er war ein verhinderter "Herr": er litt sein ganzes
Leben lang darunter, daß er keinen größeren Besitz
hatte und daß er trotz peinlicher Sparsamkeit seine
kleine Sache nicht vergrößern konnte. Er war ein kluger
Mann, schlau und phantasievoll. Er war ein Herr:
Wenn er einem ein Glas Bier hinstellte, hatte man das
Gefühl, als erweise er einem eine große Gnade, und
wenn man die Zeche bezahlte, so nahm er das Geld
mit einer Miene, als wollte er am liebsten darauf ver-
zichten. Man mußte ihn so nehmen, wie er war, und er
war ein guter Mensch.
Nach einem Schlaganfall, den er an der Häcksel-
maschine erlitt, lebte er noch ein paar mühselige Jahre,
gelähmt und der Sprache kaum noch fähig. Barbara
und ich holten ihn zuweilen im Rollstuhl zu uns in den
Garten, und wenn er dann die Blumenpracht sah, so
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versuchte er "Herbstblumen" zu sagen. Und da es ihm
nicht gelang, begann er zu weinen.
Zu ihm kam der Tod als Erlöser.
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