Wiener Kirchenzeitung, 15. August 2004
Woher die Priester kommen

Manche Pfarren bringen überdurchschnittlich viele Priester hervor.
Den Gründen dafür geht nun ein Politologe nach.
Warum bringen manche Pfarren überdurchschnittlich viele Priester
hervor, andere aber keinen einzigen? Der Innsbrucker Politiologe Andreas
Maislinger geht dieser Frage systematisch nach und sucht nach Gründen,
die "pfarrlichen Boden" für geistliche Berufungen fruchtbar
machen. Unter dem Titel "Priester-Mistbeete" wird sich das
von Maislinger organisierte "Georg-Rendl-Symposion" vom 7.
bis 10. Oktober in St. Georgen bei Salzburg mit Priesterberufungen im
deutschsprachigen Raum beschäftigen.
Statt "wie üblich auf Mangel und Krise" will der Politologe
mit seiner Initiative den Fokus auf Positives und Gelungenes richten.
Warum er in diesem Zusammenhang von "Priester-Mistbeeten"
spricht, erklärt Maislinger so: "Ein Mistbeet benötigt
einen Samen und Betreuung. Der Same ist die Berufung, und die Betreuung
ist die Gemeinde." Der Begriff "Biotop" klinge zwar moderner,
beschreibe aber für Pfarren als "Nährboden" für
Berufungen ein unzutreffendes Bild: "Ein Biotop entsteht dann,
wenn auf ein Stück Natur kein Einfluss ausgeübt wird und die
Natur sich selbst überlassen bleibt." Das sei bei einem "Priester-Mistbeet"
nicht der Fall.
Was "fruchtbaren Boden" ausmacht
"Bei uns wird viel gebetet": ein Indikator für
eine Atmosphäre gelebter Religiosität, in der auch geistliche
Berufungen wachsen können.
Was macht nun eine Pfarrgemeinde zu einem fruchtbaren Boden für
Priesterberufungen? Maislinger nennt als erstes eine "Atmosphäre
lebendiger Religiosität und gelebten Glaubens" - abzulesen
an Auskünften wie "Bei uns wird viel gebetet". Junge
Leute, die einen geistlichen Beruf für sich in Erwägung ziehen,
würden in solchen Gemeinden kein verständnisloses Kopfschütteln
ernten. Eine wichtige Rolle spielen auch das Vorbild markanter Priesterpersönlichkeiten
und die Existenz "katholischer Familien".
Die Suche nach "Priester-Mistbeeten" sei mühsam, es gebe
kaum Statistiken oder Aufzeichnungen. Als Kriterium für die Einstufung
habe er einen Zahlenschlüssel definiert: Pro 500 Katholiken in
einer Gemeinde müsse es mindestens einen aktiven Priester geben.
Die betreffenden Gemeinden müssen außerdem über einen
längeren Zeitraum ein "Nährboden" für Berufungen
gewesen sein. Im 20. Jahrhundert müssten mindestens zehn Priester
aus der Gemeinde hervorgegangen sein. Bisher zählen zu den Spitzenreitern,
die Maislinger auch auf der Homepage zum Rendl-Symposion veröffentlicht,
die Pfarren Illmitz (Diözese Eisenstadt), Hopfgarten im Brixental
(Erzdiözese Salzburg), Gaubitsch (Erzdiözese Wien) oder Gnas
(Graz-Seckau). Der Politiologe ist dankbar für weitere Hinweise
aus Pfarren (siehe Kasten). Die erfassten Daten werden u. a. Grundlage
für die Diskussion beim Rendl-Symposion sein. Prominentester Teilnehmer
des Symposions ist der Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser, der über
seinen eigenen Werdegang als Priester und Ordensmann Auskunft geben
wird.
"Wiener Modell"
In der Erzdiözese Wien wird der Zusammenhang zwischen Pfarren
und geistlichen Berufungen bereits seit September 2002 in der Priesterausbildung
stärker berücksichtigt: Die Seminaristen versammeln sich jede
Woche von Mittwochabend bis Donnerstagabend im Priesterseminar, wohnen
aber in "Lehrpfarren", wo sie während des Theologiestudiums
auch am Leben der Gemeinde aktiv teilnehmen. Zugleich sind dadurch die
Pfarren in die Sorge um Priesterberufungen stärker eingebunden.
Helmut Tatzreiter