Neue Bildpost, 14. Oktober 2004

So manche Pfarrei ist ein Priester-Mistbeet
Doch das Bistum interessiert es kaum

Von Alfred Herrmann

"Der Humus für geistliche Berufungen entsteht in Familien, die ihren Glauben
im Alltag leben, in Pfarrgemeinden, die Zeugnis ablegen für die Botschaft
Christi, in Priesterseminaren, die Orte geistlichen Lebens, spiritueller
Tiefe sind. Alle drei Orte als Quellen geistlicher Berufe sind voneinander
abhängig und dienen einander, wenn das christliche Leben lebendig ist und
dem Angebot und den Anforderungen des Evangeliums entspricht. Dann schenkt
Gott die Berufungen, die die Kirche für ihren Dienst am Heil der Menschen
benötigt."

So schreibt Erzbischof Dr. Alois Kothgasser in seinem Grußwort zum zweiten
Georg-Rendl-Symposion in Sankt Georgen bei Salzburg, das dem Thema
"Priesterberufungen im deutschen Sprachraum" nachge-gangen ist. Dem
Innsbrucker Poli-tikwissenschaftler Dr. Andreas Maislinger geht es dabei vor
allem um die Frage, warum aus manchen Pfarrgemeinden besonders viele
Priester kommen. Solche "Priester-Mistbeete", also Pfarreien mit auffällig
vielen Priesterberufungen, hat er im deutschsprachigen Raum mehr als 60
gefunden.

Was aber macht eine Pfarrgemeinde nun zum fruchtbaren Boden für Berufungen?
Maislinger nennt als erstes eine "Atmosphäre lebendiger Religiosität und
gelebten Glaubens", abzulesen in Auskünften wie: "Bei uns wird viel
gebetet." Junge Leute, die dort einen geistlichen Beruf für sich in Erwägung
ziehen, würden kein verständnisloses Kopfschütteln von ihrer Umgebung
ernten, "einfach, weil Priester oder Ordensperson sein" normal sei.

"Wenn eine Gemeinde dafür betet, weiß ein noch Unent-schlossener, die wollen
mich, da werde ich angenommen, nicht abgelehnt!" Maislinger nennt als
Beispiel seine Heimatgemeinde Sankt Georgen. Seit 40 Jahren bete man jeden
Samstag für Berufungen und dementsprechend gebe es fünf lebende Priester,
die aus der Gemeinde hervorgegangen sind. "Wenn der Beruf mit Anerkennung
verbunden ist, entscheidet sich jemand lieber dafür!" Ablehnende Bemerkungen
ließe bei vielen den Keim der Berufung schon im Ansatz ersticken.

Eine wichtige Rolle für Berufungen spiele auch das Vorbild markanter
Priesterpersönlichkeiten und die Existenz katholischer Familien, sagt
Maislinger. Ein Priester müsse als solcher erkennbar sein, an der Kleidung,
an seinem Auftreten und auch am Telefon. "Bei meinen vielen Telefonaten mit
Priestern während der Vorbereitung, wann hörte ich da mal ein Segenswort am
Schluß oder ein ,Grüß Gott'?"

Bei seinen Vorbereitungen für das Symposion hat der Politikwissenschaftler
überrascht feststellen müssen, daß seiner Frage bisher in der Kirche noch
nie nachgegangen worden ist. Leider sei es auch so gewesen, daß viele
offizielle kirchliche Stellen für dieses Thema kaum Interesse zeigten.
Maislinger: "Es ist einfach Stille. Mir scheint, viele haben es schon
auf-gegeben, konkret die Frage nach mehr Berufungen anzugehen." Dabei habe
er nur versucht, mit einem wissenschaftlichen Ansatz die ganz simple Frage
zu stellen: "Woher kommen die Priester eigentlich?" Da gebe es
Untersuchungen über das Wirtshaus als politischen Ort, aber die Frage, warum
eine Gemeinde immer Priester hervorgebracht hat und die Nachbargemeinde
nicht, scheine uninteressant.

Maislinger bemängelt ebenso, daß viele Priester kaum über ihre Berufung
sprechen und ihr so die Selbstverständlichkeit nehmen. "Während in Talkshows
eine Schwimmerin gefragt wird: wie bist Du eigentlich zum Schwimmen
gekommen? wissen viele Pfarrgemeinderäte und Kirchenvorstände nicht, wie ihr
Pfarrer Priester geworden ist."

 
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