Neue Bildpost, 8. Januar 2004

Guter Boden für Berufungen
Von Alfred Herrmann

„Hier bin ich!“ haben 40 Frauen und Männer aus unserem Dorf gesagt, die ihr Leben ganz in den Dienst für Gott und am Nächsten gestellt haben. 40 Berufungen seit 1863. Zehn Priester, 28 Ordensschwestern, zwei Brüder hat das im calwinistischen Siegerland gelegene Dreis-Tiefenbach hervorgebracht.

5.000 Einwohner zählt der Ort, darunter 2.000 Katholiken. Unter diesen Umständen eine stolze Zahl von Berufungen, wenn man bedenkt, daß es Gemeinden gibt, die über die Jahrhunderte weg kaum oder gar keine geistlichen Berufungen hervorbrachten. „Bei uns war halt ein guter Boden für Berufungen“, begründet Ferdinand Lutz die große Zahl an Geistlichen. Immerhin leben von den zehn Priestern noch vier, und am 25. Januar empfängt erneut ein Kandidat aus Dreis-Tiefenbach die Priesterweihe.

Damit diese von Gott gerufenen Menschen nicht in Vergessenheit geraten, verfaßte Lutz nun eine Broschüre, in der er kurz und mit vielen Bildern den jeweiligen Lebensweg erzählt. „Immer wieder wurden Geschichten von Patern in der Mission im Dorf erzählt, doch etwas genaues über die Personen wußte kaum jemand.“ Deshalb recherchierte er zwei Jahre lang, und nun sind die vielen in der Broschüre beschriebenen Lebenswege Vorbild für die jungen Menschen von heute und Dokumentation über ein Phänomen, daß eigentlich noch nie erforscht wurde: in manchen Gemeinden scheint der Boden für Berufungen einfach besser zu sein.

„In fast allen Diözesen, in denen ich gesucht habe, komme ich auf zwei, drei Pfarreien, die mit vier, fünf aktiven Priestern überdurchschnittlich viele Berufungen aufweisen“, erläutert Andreas Maislinger. Den gelernten Politologen treibt die Neugierde. Denn er sei wie selbstverständlich mit vielen Primizen in einer priesterreichen Pfarrei in Österreich aufgewachsen. „Da stellt sich für mich die Frage: warum ist das in der Nachbargemeinde nicht so?“ Doch Antworten fand er nicht. Niemand habe sich bislang aufgemacht, dieses Phänomen zu untersuchen, stellt Maislinger verwundert fest.

Nun möchte er mit einem Symposion in seinem Heimatort Sankt Georgen bei Salzburg im Oktober einen Anstoß für die Pastoraltheologen geben, sich mit diesem Phänomen zu beschäftigen. Regenten der Priesterseminare, Theologen, Studenten, Mitglieder der Gemeinden sollen sich auf dem Symposion austauschen. Vielleicht können die Ergebnisse dazu genutzt werden, ein besseres Klima für Berufungen zu schaffen. Der Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser hat schon zugesagt, denn auch er kommt aus einer priesterreichen Gemeinde, aus Sankt Stefan im Rosental in der Steiermark, so Maislinger.

In Deutschland hat der 48jährige beispielsweise die Ruhrgebietsstadt Bottrop im Blick. Bottrop galt einst als „Mistbeet“ für geistliche Berufe. Etwa 200 Priester und mehr als 1.000 Ordensschwestern gingen seit 1870 aus Bottroper Gemeinden hervor. „Dies ist stark zurückgegangen“, bedauert Stadtdechant Johannes Knoblauch die Entwicklung. Er selbst ist auch ein Gewächs aus diesem Beet und hat verschiedene Erklärungsansätze für die vielen Berufungen. Geistliche Studienräte hätten sich früher intensiv um die Schüler in den Gymnasien gekümmert und so persönliche Beziehungen aufgebaut.

Eine Priesterbruderschaft sei sehr aktiv in Bottrop gewesen, genauso wie eine Filiale der Steyler Missionare, die wohl eine große Ausstrahlungskraft auf junge Menschen hatte. In intakten, bürgerlich-soliden Familien sieht Knoblauch einen wichtigen Grund, ebenso wie darin, „daß Kinder und Jugendliche in Bottrop Priesterpersönlichkeiten kennenlernen konnten, die ihnen imponiert haben und so die Entscheidung unterstützten: das möchte ich auch mal machen“. Der persönliche Kontakt zu den Seelsorgern habe also eine große Rolle gespielt. „Dieser wird durch die wenigen Priester heute leider immer weniger“, begründet Knoblauch den Berufungsrückgang. Auch Maislinger bekommt immer wieder Gründe für viele Berufungen gesagt: „Wir sind halt noch eine gläubige Gemeinde.“ Oder: „Bei uns gilt der Priester halt noch was!“ Neben dem Gebet für Berufungen höre er meist von charismatischen Pfarrerpersönlichkeiten.

Typische Klischees wie die Vorstellung von Aufstiegschancen durch den Klerikerberuf aus einer kinderreichen Familie heraus, müßten hinterfragt werden. Wissenschaftlichkeit ist angesagt. Deswegen sucht Maislinger fast mechanisch weiter alle Diözesen im deutschen Sprachraum nach Priesterschmieden ab. „Ich bin noch auf der Suche nach Gemeinden mit der Bereitschaft, bei dieser Untersuchung mitzumachen.“ Diese soll nach dem Symposion erst so richtig anlaufen. Nur dann möchte der Innsbrucker Politikwissenschafter das Feld lieber den Profis aus der Pastoraltheologie überlassen. „Ich würde mich freuen, wenn Theologiestudenten gezielt in die Gemeinden geschickt werden, um dieses Phänomen für Seminar- oder Diplomarbeiten zu untersuchen.“

Vielleicht macht sich aber auch der ein oder andere Laie auf, um wie Ferdinand Lutz die Geschichte der Priester und Ordensleute der eigenen Gemeinde zu dokumentieren. Gegen das Vergessen und zum Vorbild für die kommenden Generationen.

Weitere Informationen zum Priester-Symposion in St. Georgen bei Salzburg unter www.maislinger.net.


 
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