Kurier
13. Oktober 2004
Politologe ist den Priester-"Mistbeeten" auf der Spur
"Kirche sollte analysieren, warum aus manchen Orten so viele Geistliche
kommen"
Die katholische Kirche kämpft mit großen Problemen: Skandale,
Rekordzahlen
bei Kirchenaustritten und Priestermangel.
Fast wie gelähmt sehen die Verantwortlichen zu. "Man sollte
nicht anders
agieren als in einem Betrieb - das heißt nicht nur die Schwächen,
sondern
vor allem die Stärken analysieren und ausbauen. Das findet einfach
nicht
statt", stellte Politologe Andreas Maislinger aus Innsbruck fest.
70 Pfarren
Maislinger hat sich auf die Suche von sogenannten "Priester-Mistbeeten"
gemacht. Innerhalb der vergangenen zwei Jahre hat er mehr als 70 Pfarren
im
deutschen Sprachraum ausfindig gemacht, die auffallend viele Priester
hervor
brachten.
"Die Kirche hat sich bisher nicht die Mühe gemacht nachzufragen,
warum diese
Gemeinden ein so fruchtbarer Boden für Priester sind", sagte
Maislinger, der
das 2. Georg Rendl Symposion in St. Georgen in Salzburg organisierte.
Hier
wurde die "Mistbeet-Frage" erstmals unter Priestern - auch
mit Erzbischof
Alois Kothgasser - diskutiert.
Der Begriff "Priester-Mistbeet" wurde früher mit Stolz
verwendet. "Heute
stößt der Begriff immer mehr auf Ablehnung. Das Mistbeet
symbolisiert die
Berufung. Gepflegt und betreut wird es von der Gemeinde, vom Umfeld",
so
Maislinger.
Bei der Diskussion kristallisierten sich unterschiedlichste Ansätze
zur
Mistbeet-Theorie heraus. "Heute muss man als Priester werben und
motivieren.
Man muss den Leuten vorangehen, aber nie zu viel Distanz haben oder
die
Bodenhaftung verlieren", meint Prälat Matthäus Appesbacher.
Der Pfarrer aus dem bayerischen Laufen weiß, dass dies für
Priester oft
schwierig ist: "Mein Problem ist die Überforderung. Priester
haben heute
zwischen drei und fünf Gemeinden."
Der 29-jährige Kaplan Rupert Grill aus Niederösterreich versucht
auf
Jugendliche in Discos zu zugehen: "Als Priester bist du heute ein
absoluter
Exot. Die Jugend muss erleben, dass ein Priester ein normaler Mensch
ist."
"Es gibt unter den Priestern kaum mehr Vorbilder. Früher
hatten die Pfarrer
mehr Schulstunden. Die Gnade zum Priester muss oft von jemandem geweckt
werden", sagt Pater Petrus aus dem Mühlviertel. "Nicht
das Mistbeet, sondern
das Glashaus ist modern. Und die Kirche ist heute oft ein Glashaus."
Die priesterreichen Gemeinden zeigen aber auch, dass ein kirchenfreundliches
Klima herrschen soll: "Wir wurden am Ende des Schuljahres wie Olympiasieger
ins Priesterseminar verabschiedet. Heute erntet man eher abschätzige
Reaktionen", meint Pfarrer Karl Ritt.
Auch ein Bürgermeister aus einer pfarrerreichen Gemeinde im Westerwald
meldete sich zu Wort: "Ich vermisse oft, dass unsere Pfarrer begeistern,
anstecken, motivieren. Es fehlt an Herzblut."
Brigitte Kirchgatterer