Dorf Zeitung, Sommer 2003
Anfang der 60er Jahre habe ich die Volksschule St. Georgen
bei Salzburg besucht. Im Angesicht der mächtigen Dekanatskirche
haben wir das Lied "Was braucht man auf dem Bauerndorf" gesungen.
Mir ist der Anfang gut in Erinnerung: Es beginnt mit "An Pfarrer,
der schön singt". Darauf folgt als zweites, das soll jetzt
nur so nebenbei erwähnt werden, dass man einen "Schulmeister,
an g'scheiten Mann" braucht. Das hat natürlich unserem Volksschullehrer
Franz Oberleitner gut gefallen.
In meiner Kindheit hatte jede Gemeinde einen eigenen Pfarrer. Pfarrer
war ein so selbstverständlicher Beruf wie Bäcker ("an Bäcker, der gut
bäckt"), Müller oder Schneider. Dechant Michael Neureiter hatte einen
oder zwei Kooperatoren, ein Nachbar, Josef Matzinger, wurde Priester
und der Kiemer Max (Maximilian Gietzinger) war als Pater Konrad Missionar
in Südafrika. Während seines Lichtbildervortrags im Salettl unseres
Gasthauses überlegte ich mir, auch Missionar zu werden, um die Welt
zu sehen. Auf den Gedanken, dass es einmal nicht genug Priester geben
könnte, bin ich nicht gekommen! Erst später ist mir klar geworden, dass
dies schon damals keine Selbstverständlichkeit war. Priestermangel ist
nämlich kein neuer Begriff. Davon hat man schon im 19. Jahrhundert und
in der Zwischenkriegszeit gesprochen.
Der Schriftsteller und Maler Georg Rendl wurde am 1. Februar 1903 in
Zell am See geboren. Von 1938 bis zu seinem Tod am 10. Januar 1972 lebte
er in seinem "Haus in Gottes Hand" im Hochwassergebiet unter der Dekanatskirche.
Georg Rendl war ein sehr gläubiger Mensch.
Meine Mutter erzählt heute noch, dass Rendl oft die Frühmesse besucht
hat. Hatte das Hochamt immer auch eine gesellschaftliche Funktion, bei
der Frühmesse musste man nicht gesehen werden. Nach der Frühmesse gab
es auch keine Männerrunde vor der Kirche und keinen Frühschoppen im
Wirtshaus. Dafür bat "der Professor" öfter das Fannerl, also meine Mutter
Franziska Maislinger, um einen Kaffee. Trotz seiner prominenten Freunde
in Salzburg hatte nämlich Georg Rendl nicht immer genug Geld, um sich
die notwendigsten Lebensmittel zu kaufen.
Georg Rendl ist vor allem durch seinen "Bienenroman" (1931) und die
Roman-Trilogie "Die Glasbläser von Bürmoos" (1935-1937) bekannt geworden.
Sein Roman "Der Berufene" (1934) ist weniger bekannt, gibt jedoch Auskunft
über seine frühe Auseinandersetzung mit dem Glauben. Dieser Roman hat
mich auch auf die Idee gebracht eine Tagung zum Thema Priesterberufungen
zu organisieren. Das 1. Georg Rendl Symposion wird Anfang Oktober 2003
in der Dekanatskirche St. Georgen der Frage nachgehen, warum aus der
einen Gemeinde viele und aus der Nachbargemeinde (fast) keine Priester
stammen.
Nachdem die Idee, jährlich ein Georg Rendl Symposion zu organisieren,
von den Mitgliedern der Georg-Rendl-Gesellschaft begrüßt worden war,
habe ich mich im Juni des vergangenen Jahres auf die Suche nach Pfarrgemeinden
mit einem starken Priesternachwuchs gemacht. Wie es der Zufall wollte,
das erste von mir gefundene Priester-"Mistbeet" war St. Stefan im Rosental
in der Diözese Graz-Seckau. Pfarrer Gerhard Knapp nannte mir am Telefon
die Namen der aus St. Stefan stammenden Priester. Bei der Erwähnung
der Brüder Alois und Michael Kothgasser wurde ich hellhörig. Und tatsächlich
sagte mir bereits wenige Tage später, am 25. Juni 2002, der damalige
Bischof von Innsbruck, Dr. Alois Kothgasser, in einem Telefongespräch
zu, nach St. Georgen zu kommen. So einfach sollte die weitere Suche
nach "Priester-Hochburgen" jedoch nicht verlaufen. In einigen Diözesen
bedurfte es mehrerer Mails an das zuständige Priesterseminar und Anrufe
bei der Pressestelle und dem Referat für Berufe der Kirche, um Hinweise
auf Pfarrgemeinden mit einem St. Georgen vergleichbar starken Priesternachwuchs
zu erhalten. Die erste Reaktion war nicht selten: So eine Gemeinde gibt
es bei uns nicht (mehr). Für viele meiner Gesprächspartner war bereits
die Frage neu. Zu sehr waren sie damit beschäftigt den Priestermangel
zu bedauern.
Dr. Andreas Maislinger