Canisiuswerk - Newsletter vom 12.10.2004

Was macht eine Gemeinde zum fruchtbaren Boden für Berufungen?

Auf Initiative des Innsbrucker Politikwissenschaftlers Andreas Maislinger
und der Gemeinde St. Georgen bei Salzburg ging das diesjährige
Georg-Rendl-Symposion von 7.-10. Oktober 2004 dieser Frage nach.

Ausgehend von der Beobachtung, dass es im deutschen Sprachraum eine Reihe
von Gemeinden gibt, aus denen auffallend viele geistliche Berufungen
hervorgegangen sind, stellten die etwa 100 Teilnehmer/-innen Überlegungen
nach Gründen dafür an.

Verschiedene Priester, darunter auch der Salzburger Erzbischof Dr. Alois
Kothgasser, erläuterten ihren je eigenen Berufungsweg, wobei auch sehr
persönliche und berührende Erfahrungen zur Sprache kamen.

Als wesentlich für die Entfaltung einer geistlichen Berufung wurden unter
anderem folgende Faktoren genannt:
- ein gläubiges Umfeld (sei es in der Familie oder der Pfarrgemeinde),
- beeindruckende Vorbilder,
- immer wieder auch ein persönliches Angesprochen-Werden auf die Möglichkeit
eines geistlichen Berufs
- die Erfahrung, dass trotz mancher Umwege oder in einem nach landläufiger
Meinung als hinderlich gesehenen Umfeld der Anruf Gottes nicht verstummte.

Kritisch bemerkt wurde, dass manchmal der Zeitgeist, aber auch manche
kirchliche Probleme und offenen Fragen als Hindernisse in der
Auseinandersetzung mit einer Berufung erfahren werden. Auch schien einigen
Teilnehmern das Engagement des Klerus im Vergleich zum notwendigen Einsatz
in vielen profanen Berufen abzunehmen.

Beeindruckend an dem Symposion waren neben dem Interesse der Bevölkerung und
der Gemeinde, vertreten durch Bürgermeister Friedrich Amerhauser,
insbesondere die Schilderung einer Gebetsinitiative durch einen
ortsansässigen Landwirt sowie die engagierte Teilnahme des Bürgermeisters
einer Gemeinde mit vielen geistlichen Berufungen aus dem Frankfurter Raum,
der die 700 km weite Reise nicht gescheut hatte.

Ergänzt wurde die Tagung durch zwei historische Referate:
Der St. Pöltener Historiker Thomas Aigner zeigte anhand des geschichtlichen
Auf und Ab an Priesterberufungen und der Veränderungen in den
gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen, dass der heute oft
angesprochene "Priestermangel" zu relativieren ist. Der Regensburger
Historiker Herbert Wurster ergänzte den familiären Aspekt um die
Beobachtung, dass aus einer Familie öfter auch mehrere Berufungen - parallel
oder hintereinander - hervorgehen.

Abgerundet wurde die Tagung durch einen Blick von Kurt Schmidl,
Generalsekretär des Canisiuswerkes, auf eine zeitgemäße Berufungspastoral im
heutigen europäischen Kontext.

Der Organisator Maislinger bedauerte im Gespräch, dass es ihm aus zeitlichen
Gründen (seine Recherchen erstreckten sich über 2 Jahre) nicht möglich war,
neben der Priesterberufung auch die anderen Berufungen ausdrücklich in den
Blick zu nehmen (immerhin wurde deutlich, dass aus den so genannten
"Priester-Mistbeeten" meist auch viele Ordensfrauen hervorgegangen sind). Um
die angeführten Aspekte und Beobachtungen zu vertiefen, möchte er der
gesamten Frage auch weiterhin wissenschaftlich fundiert nachgehen.

Der ORF wird in einer der nächsten "Orientierung"-Sendungen (genauer Termin
noch offen) über das Symposion berichten.

Kurt Schmidl

 
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