Canisiuswerk - Newsletter vom 1.10.2004

Was macht eine Pfarrgemeinde zum fruchtbaren Boden für Berufungen?

Dieser Frage geht ein Symposion nach, das vom 7.-10. Oktober 2004 in St. Georgen bei Salzburg stattfindet.

Der Innsbrucker Politikwissenschaftler Andreas Maislinger, der als Gründer des "Vereins Gedenkdienst" bekannt wurde, stellte in den vergangenen Monaten eine Liste von "Priester-Biotopen" im deutschsprachigen Raum zusammen - also Pfarrgemeinden, aus denen besonders viele Priester kommen. Maislingers Anliegen bei seiner Initiative, ist es, den Fokus beim Thema Berufungen auf Positives und Gelungenes zu richten "statt wie üblich auf Mangel und Krise". Er finde es erstaunlich, dass die durchaus existierenden Erfolgsmodelle bisher noch nie systematisch oder wissenschaftlich betrachtet wurden

Aufgrund seiner Recherchen nennt Maislinger folgende wichtige Faktoren: als erstes eine "Atmosphäre lebendiger Religiosität und gelebten Glaubens", abzulesen in Auskünften wie "Bei uns wird viel gebetet". Junge Leute, die dort einen geistlichen Beruf für sich in Erwägung ziehen, würden kein verständnisloses Kopfschütteln von ihrer Umgebung ernten - einfach, weil Priester oder Ordensperson sein "normal" sei. Eine wichtige Rolle für Berufungen spiele auch das Vorbild markanter Priesterpersönlichkeiten und die Existenz "katholischer" Familien.

Derartige Bedingungen findet man laut Maislinger "natürlich eher am Land", es gebe aber auch Stadtpfarren mit markant hohem "Priester-Output" wie St. Cyriakus im deutschen Bottrop. Aus Österreich finden sich etwa die Pfarren Illmitz (Burgenland), Hopfgarten im Brixental (Erzdiözese Salzburg), Gaubitsch (Erzdiözese Wien) oder Gnas (Graz-Seckau) auf Maislingers Liste. Am besten vertreten seien die Diözesen Graz-Seckau und Salzburg. Die Suche nach "Priester-Biotopen" sei mühsam, es gebe kaum irgendwo Statistiken oder Aufzeichnungen, berichtete Maislinger. Viele Spuren habe er durch Mundpropaganda gefunden; so habe ihn z.B. Erzbischof Kothgasser, der selbst aus dem "Priester-Biotop" St. Stefan im oststeirischen Bezirk Feldbach stammt, auf die bisher einzige Pfarre aus der Diözese Innsbruck - die Pfarre Strassen - aufmerksam gemacht.

Die beim Symposion in St. Georgen gewonnenen Erkenntnisse darüber, was einen guten Nährboden für Berufungen genau ausmacht, möchte Maislinger in einem Buch öffentlich zugänglich machen. Dieses könnte einen Kontrapunkt zur kirchlichen Tendenz setzen, "Schwächen viel eher in den Blick zu nehmen als die eigenen Stärken", so der Politikwissenschaftler. (Informationen: www.maislinger.net/Rendl/index.html)

Für die Berufungspastoral in Österreich ist dieser Ansatz insofern interessant, als bei den im Rahmen des Mitteleuropäischen Katholikentags erarbeiteten Thesen besonders die Notwendigkeit betont wurde, dass "...in den nächsten Jahren - über den Aufbau der diözesanen Strukturen hinaus - vor allem die Berufungspastoral in den Pfarren und Dekanaten neu aufgebaut werden muss. Dazu braucht es vor allem Personen, die sich dafür in Dienst nehmen lassen. Wir sehen eine dringende Aufgabe in der Findung, Befähigung und Begleitung von Berufungs-Animatoren/-Animatorinnen (-Helfer/-innen, -Begleiter/-innen) auf allen Ebenen. Hier fehlen uns noch die konkreten Ausbildungs- und Begleitungsprogramme. Wir sind überzeugt, dass es viele Menschen in unseren Pfarren und Gemeinden gibt, die sich für diese Aufgabe finden, schulen und engagieren lassen. "Wer sucht, der findet!" Es braucht auch eine erneuerte Motivation der Priester, Ordensleute und anderen in der Pastoral und Katechese Tätigen, damit das Zeugnis gelungenen Lebens Wirkung entfalten kann." (siehe auch http://www.canisius.at/newsarchiv).

Dies ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass jede Pastoral Ruf-Charakter haben muss (Berufung zum Menschsein, zum Glauben und Christsein, zum Zeugnis im Dienst, zur Heiligkeit und zur Vollendung in der ewigen Herrlichkeit). Sie darf um der Menschen willen (und nicht wegen irgendwelcher Lücken in Stellenbesetzungsplänen) ihnen nicht die Auseinandersetzung mit dem persönlichen Anruf Gottes und auch nicht mit den konkreten Berufungen vorenthalten. Hilfestellung zu einem geglückten Leben durch Entdeckung der je eigenen Berufung zu geben, ist heute ein eminent wichtiger - und auch gesuchter - Dienst der Kirche auf allen Ebenen.

Und wie wird mit dem Thema "Berufung" in Ihrer Pfarre umgegangen?

Kurt Schmidl
 
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