Franz
Jägerstätter und Leopold Engleitner
Es gibt kaum ein Buch, auf das ich so sehr gewartet habe wie auf diese Biografie
des Oberösterreichers Leopold Engleitner. Machen wir uns nichts vor, nicht jedes
veröffentlichte Buch ist wertvoll. Nicht selten erscheinen Bücher, die nur Bekanntes
wiedergeben und voller Fehler sind. Eine Orientierung ist deshalb nicht immer
leicht. Zu oft versprechen Buchtitel zuviel, bieten sie doch tatsächlich nicht
mehr als einen künstlich ausgedehnten Zeitungsartikel.
Von Andreas Maislinger
Nicht
so dieses Buch. Endlich können wir die Geschichte eines österreichischen Zeugen
Jehovas lesen. Nachdem in den letzten zwei Jahrzehnten die mündliche Geschichtsschreibung
(oral history) populär geworden ist, ist eine Fülle von Lebensgeschichten von
Menschen verschiedenster Herkunft aufgezeichnet worden.Die Geschichtsforschung
hatte die einfachen Leute entdeckt. Dabei haben die (meist jungen) HistorikerInnen
keine Berufsgruppe ausgelassen. Die Mehrheit der aufgezeichneten und veröffentlichten
Biografien betraf jedoch Menschen, die einem linken, sozialistischen oder kommunistischen
Ideal folgten. Ich erwähne nur die umfangreiche Literatur und die zahlreichen
Dokumentarfilme über Österreicher im Spanischen Bürgerkrieg.
Die Verfolgung der Zeugen Jehovas wurde von der österreichischen Zeitgeschichtsforschung
keineswegs verschwiegen. Die umfangreichen vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen
Widerstandes herausgegebenen Dokumentationen über Widerstand und Verfolgung in
den einzelnen Bundesländern befassen sich jeweils auch umfassend mit den Zeugen
Jehovas. Dabei blieb es aber auch. Es musste der "Hobbyhistoriker" Bernhard Rammerstorfer
kommen, um endlich auch ein Buch über einen von den Nationalsozialisten verfolgten
Zeugen Jehovas zu schreiben. Das in der Auswahlbibliografie erwähnte Buch über
Anton Uran beschäftigt sich vor allem mit dem sozialen Umfeld des von den Nationalsozialisten
hingerichteten Zeugen Jehovas und dokumentiert seine Rehabilitierung. Über das
Leben von Anton Uran erfahren wir wegen der schlechten Quellenlage wenig.
Bernhard Rammerstorfer hat ein packendes Buch geschrieben, wie auch der Historiker
Detlef Garbe meint. Und Detlef Garbe muss es wissen, denn er hat mit "Zwischen
Widerstand und Martyrium" das Standardwerk über die Zeugen Jehovas im "Dritten
Reich" geschrieben. Bernhard Rammerstorfer versteht es nicht nur, packend zu schreiben,
er hat auch keine Mühe gescheut, um jede auch noch so kleine Spur zu verfolgen
und jede einzelne Aussage von Leopold Engleitner auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.
Die Erstellung des Personenregisters zwang den Autor dazu, nicht nur die Schreibweise,
sondern auch alle anderen von Leopold Engleitner gemachten Angaben zu überprüfen.
Eine Vorgangsweise, die bei Oral-history- Büchern (leider) nicht selbstverständlich
ist.
Das alles hat nichts mit Franz Jägerstätter zu tun. Jägerstätter ist jedoch der
eigentliche Grund, warum ich auf dieses Buch so sehr gewartet habe. Ich bin 1955
in der Gemeinde St.Georgen, an der Grenze zwischen Salzburg, Oberösterreich und
Bayern geboren. Bereits als Kind hatte mir mein Vater von einem Bauern aus St.
Radegund erzählt, der nicht für Hitler kämpfen wollte und deshalb hingerichtet
wurde. Ich kann mich auch erinnern, dass bereits damals etwas von einem Naheverhältnis
zu den Bibelforschern gemunkelt worden ist. Tatsächlich waren seine Tante Maria
und sein Cousin Johann Huber Zeugen Jehovas. Leider wissen wir bis heute sehr
wenig über das Verhältnis Franz Jägerstätters zu den Zeugen Jehovas. Erna Putz
berichtet in ihrer Jägerstätter-Biografie, dass er "mit ihnen zahllose theologische
Auseinandersetzungen geführt hat." Diese, so Erna Putz weiter, "werden für ihn
mit einer der Gründe gewesen sein, sich intensiver mit religiösen Problemen zu
befassen".
Leopold Engleitner erinnert sich an ein Gespräch mit Johann Huber. Unmittelbar
nach dem Krieg erzählte ihm der Cousin Franz Jägerstätters, dass er nach dem Austritt
aus der katholischen Kirche in St. Radegund Schwierigkeiten bekam. Laut der Erinnerung
Engleitners an die Aussagen Johann Hubers, konnte er in St. Radegund nicht einmal
mehr Milch kaufen. Nur die Mutter von Franz Jägerstätter grenzte ihn wegen seines
Übertrittes zu den Zeugen Jehovas nicht aus. Bei den regelmäßigen Besuchen soll
ihn Franz zuerst etwas abfällig angesprochen, später jedoch auch ernsthafte Fragen
gestellt haben. Zu einem regelrechten Bibelstudium ist es aber nicht gekommen.
Leopold Engleitner betont diese bleibende Distanz und will Jägerstätter auf keinen
Fall für die Zeugen Jehovas vereinnahmen.
Obwohl der Innviertler Bauer seit der Veröffentlichung des Buches "Er folgte seinem
Gewissen. Das einsame Zeugnis des Franz Jägerstätter" von Gordon Zahn im Jahr
1967 zu den bekanntesten Gegnern Adolf Hitlers gehört, möchte ich ihn an dieser
Stelle kurz vorstellen:
Franz Jägerstätter wurde am 20. Mai 1907 in St. Radegund in der Nähe von Braunau
am Inn geboren. Die Eltern waren zu arm, um zu heiraten. In den ersten Lebensjahren
übernahm die Großmutter die Erziehung. 1917 heiratete seine Mutter den Bauern
Heinrich Jägerstätter, der Franz adoptierte. Auf dessen Hof regte ihn ein Großvater
zum Lesen an. Franz galt als lebenslustig. 1936 heiratete er die tief religiöse
Franziska Schwaninger. Der als außergewöhnlich glücklich geltenden Ehe entstammen
die Töchter Rosalia, Maria und Aloisia. 1938 stimmte Franz Jägerstätter gegen
den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Im Oktober 1940 wurde er zum
Militär einberufen. Er absolvierte die Grundausbildung und leistete den Eid auf
Adolf Hitler. Auf Betreiben des Bürgermeisters wurde er im April 1941 unabkömmlich
gestellt. Die Zeit bis zur neuerlichen Einberufung im Februar 1943 nutzte er,
um seine Entscheidung, den Dienst in der Deutschen Wehrmacht zu verweigern, vorzubereiten.
Am 9. August 1943 wurde Franz Jägerstätter in Berlin hingerichtet.
Der Regisseur Axel Corti nahm das erwähnte Buch des amerikanischen Pazifisten
Gordon Zahn zur Grundlage für seinen Film "Der Fall Jägerstätter". Kurt Weinzierl
spielte die Hauptrolle. Wegen des großen Interesses wiederholte das österreichische
Fernsehen die Ausstrahlung des Films bereits nach fünf Monaten. Die konsequente
Ablehnung Franz Jägerstätters, in der von Adolf Hitler geführten Deutschen Wehrmacht
zu kämpfen, löste bis heute andauernde heftige Kontroversen aus. Bei diesen Kontroversen
wurden immer wieder Vergleiche mit dem Verhalten der Zeugen Jehovas angestellt.
Diese Vergleiche gingen jedoch über bloße Andeutungen nie hinaus. Für einen auf
beiden Seiten überprüfbaren Vergleich fehlte vor allem die Biografie eines Zeugen
Jehovas, der wie Franz Jägerstätter auf Grund seines Bibelstudiums es nicht fertigbrachte,
"Soldat Christi und zu gleicher Zeit Soldat für den Nationalsozialismus zu sein".
Jetzt liegt diese Biografie vor und wir können das Verhalten von Franz Jägerstätter
und Leopold Engleitner vergleichen. Beide stammen aus einfachen Verhältnissen
und sind fast zur gleichen Zeit geboren. Beide wurden katholisch erzogen und beide
suchten auf ihre Fragen eigenständige, von ihrer Umgebung stark abweichende Antworten.
Leopold Engleitner fand seine Antworten bei den Zeugen Jehovas, Franz Jägerstätter
blieb Mitglied der katholischen Kirche und rang mit seinem Pfarrer und sogar mit
dem Bischof in Linz.
In diesem Ringen wurde meist auch der wesentliche Unterschied zu den Zeugen Jehovas
gesehen. Schließlich hat sich Jägerstätter im Widerstand gegen seine Kirche zu
seiner Entscheidung durchringen müssen, während Engleitner und die anderen Zeugen
Jehovas dies in Übereinstimmung mit der Leitung ihrer Glaubensgemeinschaft taten.
Das ist natürlich richtig und doch zeigt das vorliegende Buch im Kapitel "Mutiger
Religionswechsel in den 30er-Jahren", dass die Widerstände, die Engleitner überwinden
musste, denjenigen Jägerstätters in nichts nachstehen. Trotz des Rückhaltes bei
seinen Glaubensbrüdern musste sich Leopold Engleitner gegenüber einer Umgebung
behaupten, die seinen Überzeugungen ablehnend bis feindlich gegenüberstand. In
der Zeit des Ständestaates standen Jägerstätter und Engleitner politisch auf verschiedenen
Seiten. Wären sie einander persönlich begegnet, hätte sie das ernsthafte Bibelstudium
verbunden, das Verhältnis zu Dollfuss und Schuschnigg jedoch getrennt. Ich wünsche
mir, dass sich Anhänger Franz Jägerstätters und Zeugen Jehovas zu Gesprächen über
die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser beiden aus der Bibel motivierten Gegner
des Nationalsozialismus treffen werden. Gespräche Jägerstätters mit Zeugen Jehovas
sind nur bruchstückhaft überliefert. Mit den vorliegenden Büchern erhält der interessierte
Leser die Möglichkeit, Jägerstätter und Engleitner in einen fiktiven Dialog zu
bringen.